11.06.2024 (Dienstag)
Heute vor drei Wochen sind wir auf Island angekommen. Eine volle weitere Woche liegt noch vor uns, ehe wir wieder die Überfahrt zurück nach Dänemark antreten müssen. Was wir wohl noch erleben werden?
Erneut verlassen wir kurz nach 8 Uhr unsere Schlafsäcke, frühstücken und brechen gegen 10 Uhr auf in Richtung der nördlichsten Hauptstadt der Welt, Reykjavík. Über die Straßen Nr. 37, 365 und 36 erreichen wir die Ringstraße Nr. 1 bei Mosfellsbær, einem Vorort von Reykjavík, wo der isländische Wolle-Hersteller Álafoss einen Fabrik-Verkauf betreibt. Clara will sich hier mit echt isländischer Wolle versorgen.
Wir finden den Wool Store und verbringen dort fast eine Stunde. Clara mit Wolle aussuchen, ich mit lesen. In der Lese-Ecke, die offenbar extra für das Begleit-Personal von wollkundigen Kundinnen und Kunden eingerichtet wurde, finde ich ein älteres Buch über Offroad-Fahren im Hochland. Sehr interessant! Das Buch stammt aus dem Jahr 1993, damals war Island sicher noch etwas unwegsamer.
Da wir nun schon mal in Reykjavík sind, hab ich auch mal recherchiert, ob es hier vielleicht einen Nissan-Händler bzw. eine Nissan-Werkstatt gibt. Es gibt einen Händler, also eine Vertretung, und gegen 12 Uhr spreche ich dort vor wegen unserer „Motorcheck“ -Leuchte. Der freundliche Mitarbeiter kann mir leider nicht weiterhelfen, da sie dort nur (neue) Autos verkaufen. Aber er ist so freundlich mir die Adresse einer Lizenz- bzw. Vertrags-Werkstatt zu geben und wir machen uns auf den Weg dorthin.
Als wir dort nach einigem Suchen ankommen (die Adresse selbst sah nicht nach Werkstatt aus, diese war in einem Hinterhof, der nur von der rückwärtigen Parallelstraße zugänglich war), weist der Meister einen jungen Mitarbeiter (Lehrling?) an, unser „blaues Wunder“ in die Halle zu fahren. Dort beginnt dann auch der junge Mitarbeiter nach der Buchse für die On-Bord-Diagnose Einheit (OBD) zu suchen und findet nichts. Der Meister zeigt ihm dann wo diese bei diesem (28 Jahre alten) Modell sitzt. Er kann dann aber auch das Diagnose-Gerät nicht mit dem Fahrzeug verbinden, da der Stecker nicht zur Buchse passt.
Wieder hilft der Meister, der ihm dann sagt, dass er eine ältere Version der OBD-Einheit braucht. Also steigt der Meister nun selbst in den Ring und holt das „alte“ Gerät irgendwo aus dem Fundus. Die nächste Hürde ist dann aber die Software-Version. Denn jetzt passt zwar der Stecker, aber das Steuergerät im Fahrzeug und die Software-Version des alten OBD-Geräts passen nicht zueinander. Wieder verschwindet der Meister und kommt etwas später mit einer anderen Software-Cassette zurück, die er in das OBD-Gerät einschiebt. Das Ganze erinnert mich an die Zeiten der Atari-/C64-Computer oder die Nintendo Spielekonsole in den 90ern … aber es funktioniert endlich!
Aber da das alles eine sehr alte Diagnose-Gerätschaft ist, dauert es seeeeehr lange, bis der Check durch ist und ein Ergebnis auswirft. – Ein Wunder: Es gibt einen Fehler:
„Comm-Problem between ECM and IMMU“ , also ein Kommunikations-Problem zwischen Steuergerät (ECM) und der Immobilisierungs-Einheit (IMMU), auch Wegfahrsperre genannt.
Der Meister löscht den Fehler aus dem Speicher, startet den Motor, und da ist er auch schon wieder. Mist. Das Ganze wiederholt er noch zweimal, leider ohne Veränderung.
Er hat es gut gemeint, war hilfsbereit, aber er kann den Befund leider nicht ändern. Er empfiehlt mir, das Steuergerät in Deutschland neu programmieren zu lassen. Für den ganzen Spaß sind dann 9.900 ISK fällig, was etwa 66 Euro entspricht. Es ist jetzt fast 14 Uhr und wir fahren nun nach Reykjavík in die Stadt hinein, begleitet von unserer seit über 200 Kilometern stabil leuchtenden „Motorcheck“ -Leuchte im Cockpit.
Wir suchen und finden einen Parkplatz und ich habe Gelegenheit die Funktionsweise der örtlichen Parkschein-Automaten zu studieren. Ich schaue einem Einheimischen über die Schulter, der zweimal das falsche Kennzeichen eingibt und jedes Mal danach abbricht, ehe er mit dem richtigen abschließen kann. Nachdem das geschafft ist steht unser „blaues Wunder“ unweit der Harpa (=Harfe), dem gläsernen, durch seine außergewöhnliche Architektur weltbekannten Kongress- und Konzert-Zentrum der Stadt.
Wir machen von innen und außen ein paar Fotos und sehen uns um, dann schlendern wir am Hafen entlang auf der Suche nach etwas Essbarem. Alles was wir finden ist uns entschieden zu teuer. Wir wollen den Fish & Chips-Stand von 2022 wieder finden und die Preise von damals mit heute vergleichen. Der alte Kassenzettel von damals liegt praktischerweise noch als Lesezeichen im Reiseführer. Der Preis damals: 1.900 ISK. Wir finden den Shop (damals ein mobiler Shop) nicht wieder. Alles hat sich verändert und die ganze Gegend ist neu bebaut. Und so finden wir den Shop nun in einem festen Haus neben einer Eisdiele.
Es ist sonnig und warm, wenn auch etwas dunstig und nicht so klar wie am Tag zuvor. Ich bestelle eine Portion Fish & Chips und eine Portion nur Chips (=Pommes) für Clara. Der Vergleich sagt: 2.850 ISK, also knapp 1.000 ISK mehr als 2022. Ist das wirklich alles der Inflation geschuldet? – Oder dem Preisanstieg durch den Krieg in der Ukraine? – Oder liegt das an der Euro-Schwäche? – Das sind immerhin 50% mehr als damals!
In der Eisdiele daneben kostet eine (sehr große) Kugel Eis umgerechnet 5,35 Euro (!) – Wir verzichten, aber einigen US-amerikanisch anmutenden Touristen scheint es trotz des Preises zu schmecken. Nicht alle finden das teuer, oder es ist ihnen einfach egal, weil sie eben reich sind. Wir finden’s unfassbar teuer.
Wir drehen eine Runde durch die Altstadt dieser kleinen Welt-Stadt, in der ja auch schon mal große Welt-Politik gemacht wurde, damals, als sich vom 10. bis 12. Oktober 1986 die Präsidenten Ronald Reagan (USA) und Michail Gorbatschow (UdSSR) im Gästehaus Höfði zu einem Gipfeltreffen einfanden.
Wir hingegen trinken in einer urigen alten Bäckerei je einen leckeren Cappuccino und Kakao und essen ein kleines Gebäck dazu, das man uns freundlicherweise schenkt. Über die Regenbogenstraße, die zur Hallgrímskirkja führt (wir werfen nur ein Blick darauf, wir waren 2022 schon drin) und die Shopping-Meile Laugavegur kehren wir zurück zum Auto. Gleich in der Nähe ist eine OB-Tankstelle mit Sprit für 291,8 ISK je Liter (!) – das ist das Günstigste was wir bisher gesehen haben, seit wir auf Island sind (unter 300 ISK!) – also schnell voll getankt.
Dann finden wir, dass wir genug Stadt gesehen haben für heute und wollen ihr entfliehen. Aber Stau, Baustellen und Ampeln versetzen unsere Fahrweise in den Hauptstadt-Verkehrs-Modus: Stop-and-go.
Wir folgen der Straße Nr. 41 nach Westen aus der Stadt in Richtung Flughafen. Wir klappern die Orte Njarðvík und Kevlavík ab, wobei wir in der Nähe des Hafens in Kevlavík an einer „Trollhöhle“ mit einer schnarchenden Riesin Halt machen. Sehr lustig gemacht: eine Riesenfigur sitzt in einem „Zimmer“, darin ein Riesenbett, eine ebensolche Zahnbürste und Kleidungsstücke. Alles was eine Riesin so braucht ist da. Eine Infotafel erzählt die Geschichte zur Riesin „Giganta“ und der Umsetzung dieser Installation durch eine Künstlergruppe. Es schnarcht und pupst vom Tonband. – Eine nette kleine Attraktion ohne Eintrittsgebühr. Noch.
Weiter geht es auf der Straße Nr. 45 nach Garður und zum Kap Garðskagi, wo zwei Leuchttürme (alt und neu) stehen und sich dazwischen ein altes, gestrandetes Schiff befindet. Ebenfalls dort ist auch ein sehr einfacher Campingplatz, lediglich mit einer WC-Hütte versehen. Wir schauen uns ein wenig um, besteigen auch mal das auf dem Trockenen liegende Schiff, eine Art Mahnmal für die zahlreichen hier vor der Küste gestrandeten Schiffe. Eine Infotafel listet die zwischen 1903 und 1987 hier gestrandeten Schiffe auf.
Unser Ziel für heute ist der Campingplatz bei Sandgerði, wo wir wenig später eintrudeln und uns im überdachten Gemeinschaftsraum leckere Penne mit Tomatensoße und Oliven als mediterranes Abendessen im frischen Norden schmecken lassen.
Es wird noch ein sehr lebendiger Abend, da ein junges deutsches Paar ein Problem mit ihrem (zum Mietcamper gehörenden) Campingkocher hat. Eine weitere Deutsche aus Erfurt und ich versuchen zu helfen. Andere Camper aus Finnland, die den selben Kocher-Typ (vom gleichen Vermieter) haben, gesellen sich dazu. Am Ende steht fest: der Kocher ist defekt und muss wohl beim Vermieter getauscht werden.
Das junge deutsche Paar ist auf der ersten gemeinsamen Urlaubsreise, die junge Frau war auch noch nie zuvor campen. Als sie dann nach dem Duschen mit feuchten Haaren da steht und in die Runde fragt: „Gibt’s hier nen Fön?“ sorgt sie allseits für Lacher und sie ist ab jetzt für alle das „Camping-Girl“. 🙂
Ich sitze noch eine Weile am Laptop, lese Emails und bearbeite Alltagskram. Es ist fast Mitternacht als wir ins Auto kriechen um zu schlafen.
Km-Stand: 233.312 (159 km gefahren)