12.06.2024 (Mittwoch)
Nach dem üblichen Aufsteh- und Frühstücks-Zeremoniell brechen wir gegen 10:30 Uhr von Sandgerði aus auf in Richtung Süden, der Küste entlang. Die Sonne versteckt sich heute hinter einer hartnäckigen und zähen Wolkenschicht, die gefühlt nur knapp über unseren Köpfen hängt.
Sandgerði liegt auf der Reykjanes-Halbinsel im Südwesten Islands. Das ist das Gebiet, wo der Mittelatlantische Rücken aus dem Meer aufsteigt und die Landmasse Islands bildet. Und hier ereignen sich – zuletzt seit etwa März 2021 – immer wieder vulkanische Aktivitäten und Erdbeben entlang einer der vielen geologischen Bruchzonen, welche Island durchziehen. Meist sind es nur leichtere Erschütterungen unterhalb der Wahrnehmbarkeits-Schwelle. Aber in dem Maß wie sich unterirdisch Magma ansammelt, hebt sich oft auch der Boden und es kommt irgendwann zu Rißbildung, Ausgasung und Ausstoß von Lava.
Zuletzt kam es um Weihnachten 2023 zu einem Ausbruch, in dessen Verlauf die Ortschaft Grindavík sogar evakuiert wurde und auch das beliebte Thermalbad Blaue Lagune mehrfach geschlossen werden musste, sowie Teile des Besucher-Parkplatzes unter Lava begraben wurden. Dieses Gebiet liegt jetzt in südöstlicher Richtung noch etwa 20-30 Kilometer Luftlinie von uns entfernt.
Wir fahren also zunächst auf der Straße Nr. 45 der Küste entlang südwärts. Immer wieder versuchen militante Vogelschwärme durch spontane Fahrbahnbesetzungen unsere Fahrt zu unterbrechen. Sie beenden ihre Blockade-Versuche aber stets friedlich, wenn wir langsam näher kommen. Südlich des Flughafens treffen wir auf die Straße Nr. 44 nach Hafnir. In der Umgebung von Hafnir ist der steil abfallende Felsen Hafnarberg ein bei Vogelbeobachtern beliebtes Ziel. Aber bei den herrschenden Sichtverhältnissen gäbe es hier nichts zu sehen.
Die Straße Nr. 425 führt dann weiter über den Leuchtturm Reykjanestá nach Grindavík. Theoretisch.
Denn die Straßen nach Grindavík sind nach wie vor alle gesperrt. Der Himmel ist etwas zwischen grau und hellbraun, was wohl an den Ausgasungen des inzwischen nicht mehr Lava speienden Spaltensystems in der Ausbruchzone liegt. Die Sicht ist so schlecht, dass aus größerer Entfernung oder von einer Erhebung aus nicht wirklich etwas in der grau-braunen Suppe zu erkennen wäre.
Wir fahren noch ein Stück auf der Straße Nr. 425 weiter, bis wir etwa auf Höhe der Bucht Stóra Sandvík einen Parkplatz ansteuern. Zunächst ist außer viel dunklem Sand nichts zu sehen. Aber ein Infoschild und eine zwischen zwei Fels-Linien verlaufende Fußgänger-Brücke über einem Graben, einem „Fluß aus Sand“ laden dazu ein, mal wieder von einer tektonischen Kontinentalplatte auf die andere und wieder zurück zu wechseln. Auch hier verläuft eine Bruchzone entlang der Plattengrenze zwischen Nordamerika und Europa, wenn auch bei weitem nicht so spektakulär wie die Almannagja-Schlucht im Þingvellir-Gebiet. Dennoch werden Busweise Touristen hierher gekarrt. Irgendwie absurd, aber wir waren ja nun auch hier.
Da es absolut aussichtslos ist, etwas von der vulkanischen Tätigkeit um Grindavík zu sehen zu bekommen, kehren wir hier um. Wir fahren zügig über die Straßen 425 und 44 zurück nach Kevlavík und dann über die Straße Nr. 41 in Richtung Reykjavík. Bei Hafnarfjördur schwenken wir dann von der 41 auf die 42 nach Süden. Unterwegs kommen wir am Kleifarvatn vorbei, wo wir eine kurze Rast für ein paar Nebelfotos einlegen. Ganz in der Nähe befindet sich das Solfatarengebiet Seltún, das wir im Jahr 2022 besucht hatten. Aber angesichts des ungemütlichen Wetters lassen wir das heute aus.
Auf der weiteren Fahrt muss das „blaue Wunder“ gegen starken Wind aus Südost ankämpfen und als wir von der Straße Nr. 42 nach links (Richtung Osten) auf die Straße Nr. 427 nach Þorlákshöfn einbiegen, da fahren wir praktisch voll gegen den heftigen Wind.
In Þorlákshöfn machen wir an einer Haltebucht für Busse eine kurze Mittagsrast im Auto. Wir überlegen angesichts des Wetters, was wir bei diesem Wetter unternehmen könnten und wo wir am Abend in etwa sein wollen. Wir entscheiden uns dafür, über die Straße Nr. 38 nach Hveragerði zu fahren.
Oberhalb des Ortes gelangt man in das Hochtemperaturgebiet Reykjadalur, wo man in einem warmen Bach baden kann. Das klingt ja schon etwas abgefahren, deshalb wollen wir uns das auch anschauen. Wir parken auf einem neu angelegten Café-Shop-Service-Parkplatz mit automatischer Kennzeichenerfassung und Bezahlautomat. Das erspart uns etwa eine Stunde Wanderzeit (nur eine statt zwei) gegenüber der im Reiseführer noch angeführten Wanderung vom Ortsende aus.
Wir vespern vorher noch schnell eine Kleinigkeit im Auto, ehe wir um etwa 14:25 Uhr zum Aufstieg aufbrechen. Der Weg führt an röchelnden und dampfenden Löchern vorbei, steigt steil an und schlängelt sich an drei oder vier Bergflanken entlang das besagte Tal, das Reykjadalur hinauf. Etwas links unterhalb des Weges fällt der Blick auf einen schönen Kaskadenwasserfall.
Nach einer knappen Stunde Wanderzeit sind wir um 15:20 Uhr dort angelangt, wo im Bachlauf einige kleine Badestellen liegen. Bei diesen handelt es sich um kleine Vertiefungen im Bachbett, die durch das Aufschichten kleiner Mäuerchen in einem Halbrund zu kleinen halboffenen Becken für 2-3 Personen werden, durch die das etwa 35 Grad warme Wasser des Baches fließt. Aber warum ist das Wasser hier im Gebirge überhaupt so warm?
Das liegt daran, dass etwas oberhalb eine ergiebige heiße Thermalquelle mit einem gewöhnlichen Gebirgsbach zusammenfließt und sich mischt. Im Bereich des Zusammenflusses ist auch eine Art sehr flacher Teich entstanden, dort ist es trotz des mäßigen Wetters recht voll. Es gibt hier zwar einige Stellen um ins Wasser zu steigen (es ist teilweise sehr rutschig am Ufer), aber es gibt keine Umkleidekabinen. Statt dessen gibt es ein paar Bretterwände die leidlich Sichtschutz bieten. Die abgelegte Kleidung und Wertsachen müssen irgendwo am Wegrand bzw. entlang des Bachlaufs deponiert werden.
Da sich nicht gerade wenige Menschen hier tummeln, was wir etwas schade finden, dauert es eine ganze Weile, bis wir eine Stelle für uns gefunden haben. Besagte Stelle war zuvor von einer ukrainischen Oma-Mutter-Kind Gruppe belegt gewesen, die sich nun einen anderen Badeplatz gesucht haben. Nun liegen wir in der warmen Strömung und fragen uns, wie wir hier je wieder raus kommen sollen, in unsere Klamotten. – Und vor allem: Warum? – Ist doch herrlich hier! 🙂
„Draußen“ ist es kalt, eisig kalt. Und der Wind, der uns als Rückenwind hier herauf geholfen hat, der wird uns auf dem Rückweg als Gegenwind beim Abstieg bremsen. Nach einer gewissen Zeit frage ich einen der vorbei kommenden Wanderer nach der Uhrzeit. – Ui, schon 17:46 Uhr! – Wir beschließen schweren Herzens, aber zur rechten Zeit, zu gehen. Warum zur rechten Zeit? Nun, weil es anfängt zu tröpfeln, kaum dass wir aus dem Wasser sind. Das wäre im Wasser nicht weiter schlimm, aber die Klamotten und der Rucksack die am Wegrand liegen, die würden natürlich klatschnass werden. Wir schlüpfen daher zügig in unsere noch trockenen Klamotten, was bei der feuchten Kälte und dem Wind nicht zu verachten ist.
Kurz darauf sind wir auf dem Weg hinab. Der Wind nagelt uns die kleinen Tropfen förmlich ins Gesicht und schon bald sind unsere Jacken ordentlich nass. Aber darunter sind wir trocken und warm und das ist wichtig. Gegen 18:30 Uhr sind wir zurück am Parkplatz und betreten mit tropfenden Jacken das Café.
Ursprünglich wollten wir im Auto Kaffee trinken, aber das Café schließt erst um 19 Uhr und bietet uns so die Möglichkeit, unsere nassen Jacken hier im Warmen zumindest etwas zu trocknen, statt im Auto. So setzen wir uns also rein und bestellen zwei Kakao sowie zwei Muffins und lassen es uns gut gehen.
Gegen 19 Uhr verlassen wir das Café. Ich will am Parkautomat bezahlen, aber es funktioniert nicht. Es existiert offenbar kein erfasstes Bild von unserem Kennzeichen. Nach zwei erfolglosen Versuchen verlassen wir den überwachten Hi-Tech Parkplatz ohne zu bezahlen. Es hätte wohl 1.250 ISK (etwa 8 Euro) gekostet. – Die „Motorcheck“ -Leuchte leuchtet übrigens immer noch permanent, inzwischen seit über 450 Kilometern, ohne dass das Fahrzeug irgendwelche Störungen aufweist.
Wir fahren hinunter in den Ort und steuern direkt den Campingplatz in Hveragerði an, wo wir vor zwei Jahren (2022) auch schon mal genächtigt hatten. In der halboffenen Gemeinschaftshütte kochen wir uns Tortellini mit Spinat-Ricotta-Füllung und Champignon-Sahnesoße, die unseren Hunger stillen und uns innerlich wärmen. Ich habe nach diesem trüben Tag irgendwie keine Lust zu schreiben, weder Postkarten noch Reisetagebuch. Daher gehe zumindest ich ohne diese selbstauferlegte Pflichterfüllung schlafen.
Über unseren liegenden Körpern trocknen derweil unsere nassen Badesachen auf der Wäscheleine.
Km-Stand: 233.476 (164 km gefahren)