08.10.2007 (Montag)

Nach einem gemütlichen gemeinsamen Frühstück in der Herberge El Puntido gehen wir, Alex und ich, erst gegen 8:30 Uhr los. Der Weg führt uns aus Hontanas hinaus und entlang des Flusslaufes des Arroyo del Garbanzuelo in Richtung Castrojeriz. Die aufgehende Sonne taucht die abgeernteten Felder wieder in orangefarbenes Licht.

Landschaft im Tal des Arroyo del Garbanzuelo kurz vor San Antón de Castrojeriz

Noch vor dem Erreichen des Ortes führt die Straße direkt durch die Spitzbögen der Ruine des ehemaligen Antoniter-Klosters San Antón de Castrojeriz, das eine malerische Kulisse bietet. Ich selbst habe (leider) keine Fotos davon gemacht, aber im Netz gibt es sehr schöne Aufnahmen (!) anderer Pilger davon.

Klosterruine San Antón de Castrojeriz
Bildquelle: Von Edmir Silvestre from Rio de Janeiro-RJ, Brasil – Flickr, CC BY 2.0, Link

Die Stiftskirche Nuestra Señora del Manzano bei Castrojeriz beeindruckt Alex wieder sehr, wegen der beachtlichen Höhe des Innenraums unter den Kreuzgewölben.
Er fragt: „Why did they built them that huge?“ und ich antworte ihm, dass so die Gläubigen beeindruckt werden, die Größe Gottes (und natürlich der katholischen Kirche) demonstriert werden und die eigene Bedeutung reduziert werden sollte. – Und auch, dass die Menschen sich so Gott näher fühlen konnten.

Castrojeriz selbst ist eines der schönsten Dörfer am Jakobsweg, am Fuß eines markanten Hügels (919 m) gelegen, auf dem die alte Burgruine (Castillo) den Ort überragt.

Bildquellen:
[1]: https://reisen-nach-spanien.com/kastilien-leon/burgos-provinz/castrojeriz
[2]: By Jule_Berlin from Berlin, Germany – [1], CC BY 2.0, Link

Über den weiteren Tag laufe ich viel allein und lasse Alex immer wieder etwas zurück fallen. Vor allem, als wir nach dem Verlassen von Castrojeriz und dem Durchwandern der Tiefebene, den nächsten Meseta-Anstieg erreichen, schreitet er sehr viel langsamer voran als ich.

Aufstieg zur nächsten Meseta und Blick zurück zum Hügel von Castrojeriz(Montage)

Die Ausblicke in die Landschaft sind spektakulär, auch wenn alles zu dieser Jahreszeit sehr ausgetrocknet wirkt. Es ist alles Kulturlandschaft. Von Menschen bearbeitetes, urbar gemachtes Land, das bewirtschaftet wird und viele Menschen ernährt.

Schattenlos führt der Camino Francés durch die Meseta nach Westen

Kurz vor Itero de la Vega trifft der Pilger, aus der Weite der trockenen Meseta kommend, unvermittelt auf einen grünen Gürtel, durch den der Rio Pisuerga mäandert. Über die imposante Steinbrücke Puente de Itero gelangen wir ans andere Ufer.

Puente de Itero über den Rio Pisuerga
Bildquelle: Von José Antonio Gil Martínez from Vigo, Spain – Puente Fitero, CC BY 2.0, Link

Als wir nach einem weiteren Kilometer – nach bisher rund 21 Kilometern – den Ort Itero de la Vega erreichen, beschließt Alex den Tag zu beenden, da seine Füße Ruhe und Pflege brauchen. Es ist erst etwa 14 Uhr, also früher Nachmittag und ich möchte gerne noch weiter. Wir verabschieden uns und wünschen dem jeweils anderen mit dem obligatorischen Pilgergruß Buen Camino einen guten Weg.

stilistisch vielfältige Kirche San Pedro von Itero de la Vega(mit Storchennest!)

Mein Ziel für heute ist Boadilla del Camino. Die dortige Herberge „En el Camino“ wird als sehr schön beschrieben und soll sogar über einen Pool verfügen. Diese Aussicht motiviert mich zu neun weiteren langen Kilometern, die ich ganz allein mit mir selbst durchwandere.

Ich empfinde es jetzt als wohltuend, durch die Außenreiz-Verarmung auf mich selbst zurück geworfen zu sein, statt immerzu durch in der Landschaft befindliche Reize wie Natur-Schönheiten oder Sehenswürdigkeiten abgelenkt zu werden. – Augen zu und allein sein mit mir selbst und sonst nichts.

Was mir heute auffällt ist, dass die letzten Kirchtürme zwar alle über ein Glockengeläut verfügen, aber keine Uhren an ihren Wänden haben (!) – Offenbar reicht es den Menschen hier, wenn die Glocken weithin hörbar die Stunden schlagen. Zeiger die auch noch die minutiöse Verhackstückung jeder Stunde anzeigen sind nicht nötig. Der Tag hat eine lockerere Einteilung und „Pünktlichkeit“ ist überflüssig. 😉

Es ist etwa 17:30 Uhr als ich in Boadilla del Camino und der dortigen Herberge „En el Camino“ eintreffe. Die Beschreibung der Herberge trifft tatsächlich zu und im Pool ist sogar noch Wasser drin, allerdings lädt der Zustand nicht wirklich zum baden ein. Schade eigentlich. Eine freundliche Familie führt die Herberge, und ein netter junger Mann führt das Lokal nebenan. Alles ist sauber und im Innern mit einer rustikalen Einrichtung versehen.

Nach dem Duschen und obligatorischen Auswaschen und zum Trocknen aufhängen von T-Shirt, Socken und Unterhosen setze ich mich zu anderen Pilgern in die schöne grüne Gartenanlage, die sehr zum gemütlichen und entspannenden Verweilen nach den Strapazen des Tages einlädt.

Boadilla del Camino, HerbergeEn el Caminomit grüner Gartenanlage und Pool

Hier treffe ich auch eine Barbara aus Kitzbühel und einen Norbert aus Regensburg wieder, die am vorigen Abend ebenfalls in Hontanas waren. Eine andere Deutsche, Marianne aus Kaiserslautern, füttert mich mit Erdnüssen an, während die Fliegen wieder scharenweise nerven.

Zum Abendessen gibt es eine satt machende Knoblauchsuppe (Sopa de Ajo) mit Brot und Gemüse, alles nach alter kastilischer Tradition (Castellano).

Mit Kristina, einer Kölner Sozialarbeiterin Anfang fünfzig, sitze ich nach dem Abendessen noch lange mit einer Flasche Wein beisammen im Garten der Herberge unter einem grandiosen Sternenhimmel. Unsere (sehr persönlichen) Gespräche drehen sich viel um (im Rückblick) unüberlegt erscheinende Handlungen und Entscheidungen im Lauf des Lebens, die ja aber doch immer auch Weichenstellungen für wichtige Erfahrungen waren …

Wir sind die Letzten, die zu Bett gehen. Aber auch das muss ja jemand machen. 😉

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 30 km – (insgesamt 131 km gepilgert)

Tag 7 – Von Hontanas nach Boadilla del Camino

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