10.10.2007 (Mittwoch)
Aus der Herberge trete ich in einen kalten Morgen. Ich nehme an einer Bar mein Frühstück ein, sonst ist alles noch geschlossen. Um etwa 7:50 Uhr verlasse ich Carrión de los Condes und folge einem 17 Kilometer langen Abschnitt der ehemaligen Römerstraße (Via Traiana oder Via Aquitania) in Richtung Calzadilla de la Cueva.

Golden geht die Sonne auf und taucht Felder und Wege wieder in dieses unglaubliche magische Licht. Das Innenfleece meiner Jacke hält mich warm. Frühnebel liegt wieder über dem Land und die anderen Pilger finden sich schemenhaft im Dunst, einen Kilometer vor und hinter mir.
In Calzadilla de la Cueva lege ich eine kurze Rast bei Café con leche und Bocadillo ein, dann geht’s weiter. Anfangs spüre ich Schmerzen im linken Knie, später läuft sich’s dann aber wieder sehr gut.

Die Beschaffenheit der Erde wechselt nun vom bisherigen, sandigen Grau-Braun, zu einem lehmigen Braun bis Rot. Dem entsprechend ist das vorherrschende Baumaterial bei alten Häusern der gute alte Lehmziegel.
Bei den Lehmbauten von Ledigos herrscht absolut tote Hose. Kein Mensch zu sehen. Obwohl es eine Bar im Ort gibt lege ich hier keine Rast ein. Zu wenig einladend. Erst in Terradillos de los Templarios, einem ehemaligen Tempelritter-Ort, mache ich erneut Rast.
Auch in dieser Region finden sich überall Storchennester auf den Kirchen und den Mauern von Ruinen. Gelegentlich ist auch das Geklapper der Störche zu hören. Und wieder fällt mir auf, dass die meisten Kirchtürme keine Uhren besitzen. Glocken ja, aber keine Uhren. Keine Zeiger, die anzeigen wie die Zeit verrinnt. Hier scheint es wirklich noch zu genügen, die Stunde zu schlagen, aber nicht den Tag minutiös zu zerteilen.
Es ist erst 14 Uhr und ich habe schon 27 Kilometer in den Beinen! Doch statt hier zu bleiben, beschließe ich weiter nach Moratinos zu gehen, wo es an Hobbit-Behausungen erinnernde Hügelwohnungen und einfachste Adobe-Häuser (Lehmziegel-Bauten) zu sehen gibt.
Danach führt mich der Weg entlang an niedrigen Reihen von Rebstöcken, deren Trauben bereits sehr reif sind und deren Blätter sich bereits rötlich verfärben. Ich erlaube mir, zum Zwecke der „Qualitätsprüfung“ ein paar der Trauben zu pflücken oder aufzulesen, die am Wegesrand liegen. Sie sind sehr lecker! – Das wird sicher ein guter Jahrgang 😉


In San Nicolás del Real Camino angekommen steige ich in der schönen kleinen Auberge Laganares (im Bild unten rechts der Kirche) ab.

Bildquelle: Von José Antonio Gil Martínez from Vigo, Spain – San Nicolás del Real Camino, CC BY 2.0, Link
Mit einem etwa gleichaltrigen Herbert aus Hof (Bayern) komme ich schnell ins Gespräch. Nach dem täglichen Ritual aus duschen und Wäsche von Hand waschen sitze ich mit ihm bei Cappuccino und Hörnchen zusammen. Wir führen lange Gespräche über unsere beiden Leben und die jeweilige Motivation, den Camino (den Jakobsweg) zu gehen. Wir entdecken dabei so einige Parallelen und es bedarf noch des einen oder anderen weiteren Cappuccino. 😉
Am Abend sitzen Herbert und ich noch mit Myoko, einem Pilger aus Japan, zusammen beim Abendessen und leeren bei weiteren Gesprächen zwei Flaschen Rotwein. Myoko ist 60 Jahre alt und geht den Jakobsweg, um das Erreichen des Lebensalters von 60 Jahren zu würdigen. Er pilgert dabei etwa 40 Kilometer (!) pro Tag, was sowohl Herbert als auch mir einigen Respekt abnötigt. Die 33 Kilometer heute sind mir vollauf genug.
Myoko erklärt uns sinngemäß, dass nach dem japanischen Kalender das Leben nach 60 Jahren (5-maliges durchlaufen der 12 Tierkreise) kosmisch „vollendet“ ist, und das zu erreichen daher als etwas sehr Besonderes gilt. Das mit Demut und Dankbarkeit zu würdigen empfinde ich als einen sehr interessanten Gedanken.
Er war in seinem Leben oft geschäftlich in Europa und kennt sich hier recht gut aus. Nun ist er selbständig und nur seine Frau ist jetzt noch sein Chef. – Und sie hat ihm „Urlaub“ gewährt für dieses Vorhaben. 🙂
Vor und nach dem Essen war ich noch am öffentlichen PC der Herberge im Internet, um nachzusehen, ob es eine Email von zuhause gibt. Nach inzwischen einer Woche auf dem Jakobsweg denke ich zum ersten Mal so richtig an Zuhause.
Morgen soll es für mich nach Sahagún und von dort mit dem Zug nach León gehen, um ein zweites und letztes Mal ein Stück abzukürzen. Von León aus möchte ich dann die letzten etwa 310 km des Weges zu Fuß am Stück und ohne weitere Unterbrechungen bis Santiago de Compostela gehen.
Leider gibt es wieder keine ansprechende Postkarte von diesem schönen Ort hier, wie auch schon in Carrión de los Condes. Hoffentlich ist das morgen in Sahagún anders. Spätestens in León, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz León, aber ganz bestimmt.
Heute gepilgerte Strecke: 33 km – (insgesamt 190 km gepilgert)



