11.10.2007 (Donnerstag)

Nach dem genüsslichen Frühstück in der Auberge Laganares in San Nicolás del Real Camino ziehen Herbert aus Hof und ich gegen 8 Uhr los. Unser japanischer Mitpilger Myoko hat sich schon früher auf den Weg gemacht. Wir drei waren letzte Nacht die einzigen Gäste in der Herberge!

Es ist kalt heute Morgen, die Sonne versteckt sich und ein leichter Wind weht. Der Wetterbericht spricht von Regen im Süden des Landes (Barcelona). Herbert und ich wandern zusammen die rund 10 Kilometer nach Sahagún. Auf dem Weg dorthin kommen wir an der Einsiedelei Ermita de la Virgen del Puente vorbei, ein sehr besonders gestalteter Ort, wie die Bilder der verlinkten Seite belegen.

Bildquellen:
[1] Von der Seite https://turisleon.com/lugares/santuario-de-la-virgen-del-puente-sahagun/
[2] Von José Antonio Gil Martínez from Vigo, Spain – Ermita de la Virgen del Puente, CC BY 2.0, Link

Ich stelle fest, dass ich etwas rieche. Meine Nase nimmt den Geruch von Feldern und Pflanzen wahr. Was ein wenig erhöhte Luftfeuchtigkeit doch ausmacht.

In Sahagún angekommen kaufen Herbert und ich etwas Proviant ein. Die Kirchen sind leider alle (noch) geschlossen und nicht zu besichtigen. Besonders die Iglesia de San Lorenzo im Mudéjares-Stil ist ein bemerkenswerter Anblick. Die beiden Bilder unten habe ich aus dem Netz (Wikipedia) gefischt, da ich selbst leider keine geeigneten davon habe. Dafür ist auf den Bildern wenigstens schönes Wetter. 😉

Bildquellen:
[1] Lourdes Cardenal, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
[2] Josemanuel, CC BY-SA 2.5, via Wikimedia Commons

Herbert fühlt sich nicht gut und meint, er würde wohl krank werden. Mein linkes Knie hat zwar die ganze Nacht geschmerzt, nun geht es aber doch wieder einigermaßen. Ich werde nicht viel laufen heute.

Im recht gemütlichen Café Central in Sahagún sitzen wir beide noch eine Weile, bis es für mich Zeit ist zum Bahnhof zu gehen und mich von Herbert zu verabschieden. Ich mache mich also auf den Weg, um den Zug nach León um 11:22 Uhr noch zu erwischen. Der hat allerdings Verspätung und fährt erst gegen 11:40 Uhr.

Hier ist es wieder, das „Diktat der Zeit“ , manifestiert in einem Fahrplan, verbunden mit der Erwartung, dass der Plan eingehalten wird und der Zug zur angegebenen Zeit fährt, die dann auf einer Uhr angezeigt wird. – Ich denke an die Kirchtürme ohne Uhren und lächle in mich hinein. 🙂

Inzwischen hat die Sonne die Wolken des Morgens aufgelöst und strahlt wieder vom blauen Himmel. 🙂

ein Zug wird kommen … warten am Bahnhof von Sahagún

Auf der Fahrt ist sehr schön die grüne Bergkette des kantabrischen Gebirges mit den teils schneebedeckten Gipfeln zu sehen. Langgestreckt und topfeben breitet sich davor die trockene Meseta-Landschaft beiderseits der Bahntrasse aus und bildet einen starken Kontrast. Die etwa 70 km lange Fahrt nach León dauert nur rund eine halbe Stunde.

Als ich in León den Zug verlasse und aus dem Bahnhof in die Stadt trete, irre ich erst einmal herum um mich zu orientieren. Es beginnt gerade die Siesta, die Mittagsruhe, und alle Geschäfte schließen oder sind bereits geschlossen. Auf der Suche nach der Herberge und dem Zentrum gelange ich gleich neben dem Bahnhof an ein Gewässer, den Rio Bernesga, der durch León fließt. Beiderseits davon befinden sich parkähnliche Grünanlagen.

der beidseits grün eingefaßte Rio Bernesga und die Bogenbrücke Puente de los Leones

Man merkt: das hier ist eine wichtige Stadt, eine Stadt mit Geschichte, eine richtige Hauptstadt. Nicht die des heutigen Spanien, aber die der Autonomen Region Kastilien-León. Und diese Geschichte reicht bis zu den Römern des ersten nachchristlichen Jahrhunderts zurück!

Auf dem Weg entlang der breiten Avenida de Ordoño II komme ich an der Casa Botines, einem 1892 nach einem Entwurf von Antoni Gaudí erbauten Wohn- und Geschäftshaus, sowie dem Palacio de los Guzmánes, einst das Haus der einflussreichen Adelsfamilie Guzmán aus dem 16. Jahrhundert, heute Sitz der Provinzregierung, vorbei.

die Casa Botines, 1892 erbaut nach einem Entwurf von Antoni Gaudí

Kurz vor Erreichen der Herberge bietet mir ein wildfremder Österreicher (63) spontan sein Fahrrad als Geschenk an, er braucht es nicht mehr. – Ein Wink des Himmels?

Da ich aber mit dem Rucksack kaum radeln und es später auch nicht mit nach Hause nehmen kann, lehne ich das Geschenk dankend ab. Von der Idee her wäre es gar nicht übel gewesen, um mein schmerzendes Knie zu entlasten. Auch würde es damit einfacher sein, am Ende der Pilgerreise noch einen Abstecher ans Kap Finisterre (Cabo Fisterra) zu machen.

Wenig später stehe ich vor dem schweren Eisengitter-Tor der kirchlichen Albergue de Peregrinos de las Carbajalas, geführt von den strengen Benediktinerinnen des Monasterio (Kloster) nebenan.

Ich melde mich an, bringe mein Gepäck unter und belege einen Schlafplatz in dem Großraum-Schlafsaal für Männer. 36 Betten stehen in dem Saal. Nebenan ist der vermutlich etwa ebenso bestückte Frauen-Schlafsaal.

Übrigens: Um Einlass in die recht kostengünstigen kirchlichen oder kommunalen Pilgerherbergen zu bekommen, ist das Vorweisen eines Pilgerausweises erforderlich. In diesem werden – als Nachweis der Pilgerreise – die Stempel der Herbergen, aber auch von Kirchen, Klöstern und sogar Cafés entlang des Weges gesammelt. Die Vorlage des möglichst reichhaltig voll gestempelten Ausweises berechtigt dann im Pilgerbüro von Santiago de Compostela zum Erhalt der Compostela, der Pilgerurkunde. Und man sollte wenigstens die letzten 100 Kilometer gepilgert sein.
Ich hatte mir den Ausweis bereits vor der Abreise in Deutschland besorgt.

Um 15 Kilo leichter (da ohne Gepäck) trete ich jetzt einen Stadtrundgang während der Siesta an. Zwar sind noch immer alle Geschäfte geschlossen, aber es herrscht tolles Fotowetter: blauer Himmel und strahlender Sonnenschein.

Ich setze mich an den Tisch eines Cafés an der Plaza Mayor, um Kaffee zu trinken, zu lesen und Reisenotizen zu schreiben. Hier kann ich in Ruhe abwarten, bis die Geschäfte und Museen wieder öffnen. Auch muss ich mich noch mit frischem Bargeld versorgen.

Zum zweiten Mal fühle ich mich jetzt, nach der Zugfahrt, wie aus dem Zusammenhang gerissen. Wie schon nach der ersten Zugfahrt habe ich das Gefühl aus dem Strom heraus gefallen zu sein. Aus dem Strom des Pilgerwegs, des Pilgerstroms; aus einer zwar zufälligen Gemeinschaft, der ich mich aber doch irgendwie zugehörig fühlte. Ich spüre, dass sich hinter mir Lücken in meinem Camino befinden und das gefällt mir nicht. Aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. 🙁

die Plaza Mayor in León während der Siesta, links das Café
Bildquelle: Von Matthias Bethke – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Mach Dich auf den Weg!“ – fährt es mir plötzlich durch den Kopf, während ich auf der Plaza Mayor sitze und lese. Diesem inneren Ruf gehorchend mache ich mich nach 17 Uhr auf ins Museum der Basilika San Isidoro, danach in die riesige und prächtige, ihren Platz dominierende Kathedrale Santa Maria de Regla aus dem 13. Jahrhundert.

Ein prachtvoller Bau mit über 120 (!) bunten und bis zu 12 Meter hohen Glasfenstern, durch welche die tiefstehende Sonne ein magisches Licht in den Raum zaubert. Zahlreiche Formen und Verzierungen, deren Vielfalt den Betrachter fast erschlägt, bereichern die Architektur der Kathedrale innen wie außen. Eine reichhaltige Bildersammlung gibt es hier.
In einer Seitenkapelle bete ich ein Ave Maria.

Bildquellen
[1]: León Cathedral, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
[2]: Von Josemanuel in der Wikipedia auf Spanisch – Übertragen aus es.wikipedia nach Commons., CC BY-SA 3.0, Link

Meinem linken Bein und Knie geht’s nach einer do-it-yourself Fußreflexzonen-Massage während einer weiteren Kaffee-Pause im Café Europa deutlich besser. 🙂

Apropos Kaffee: Kostete der Cappuccino oder Café con leche bisher meist 1 bis 1,20 Euro je Tasse, waren vorhin auf der Plaza Mayor schon 1,50 Euro zu zahlen. Aber hier und jetzt, im Café Europa auf dem Platz vor der Kathedrale, werden satte 1,90 Euro fällig! – Mehr muss nun aber wirklich nicht sein! 🙁

Um 21:30 Uhr wird in der Herberge der Pilgersegen gespendet, da wollte ich gerne dabei sein. Doch vorher sollte ich noch irgendwo etwas Richtiges essen.

Als ich mich auf den Rückweg mache, spricht mich ein Olaf aus Wiesbaden an und fragt nach dem Weg zur Herberge. Und da ich grade auf dem Weg dorthin bin, gehen wir den Weg gemeinsam. In der Herberge angekommen treffe ich überraschender Weise Julia wieder, die ich am Abend des zweiten Tages in Roncesvalles kennen gelernt hatte. Wir freuen uns beide sehr! – Und Olaf schaut sehr interessiert. 😉

Wir haben alle drei Hunger und beschließen daher, gemeinsam Essen zu gehen. Olaf und ich warten bis Julia fertig ist, dann gehen wir los. Beim Verlassen der Herberge schärft man uns nochmal ein, dass nach 22 Uhr kein Einlass mehr ist!

Im Restaurant erkennt Julia eine allein an einem Tisch sitzende Frau, die ihr zuvor geholfen hatte die Herberge zu finden. Sie heißt Caterina, ist aus Italien und lädt uns an ihren Tisch ein.

Schon lustig: Noch vor einer halben Stunde ging jede(r) von uns davon aus, irgendwo alleine zu Essen. Und jetzt sitzen wir zu viert am selben Tisch beim Pilgermahl, weitgehend Fremde, unterhalten uns auf Italienisch, Deutsch und Englisch in schönster Pilgergemeinschaft. Fast wie alte Freunde. 🙂

Für Olaf stellt dieser Abend einen tollen Einstieg dar. Es ist sein erster Tag auf dem Camino, den er zwei Jahre zuvor (also 2005) hier in León abgebrochen hatte und nun fortsetzen will. Für Julia und mich ist es schön, dass wir uns nach einer Woche so unvermutet wiedersehen. Für Caterina ist es ein schöner Abschluss, denn sie will morgen (Freitag) mit dem Bus nach Santiago de Compostela fahren und am Sonntag von dort nach Rom zurück fliegen. Und für mich ist es eine schöne Gelegenheit, mit Caterina mein Italienisch pflegen zu können. – Ein richtig schöner, rundum gelungener Abend. 🙂

Dieser Abend versöhnt mich ein wenig mit dem seltsamen Verlust-des-Stromes-Gefühl, das mich heute Nachmittag beschäftigt hatte, als mir die (Zugfahrt-)Lücken in meinem Camino bewusst wurden.

Gemeinsam kehren wir um 21:30 Uhr zum Pilgersegen in die Herberge zurück. Eine der anwesenden Nonnen hat offenbar vergessen, ihr Handy abzustellen bzw. auf lautlos zu stellen. Es klingelt plötzlich mitten in der Einweisung zum bevorstehenden Prozedere.

Der Klingelton besteht aus gregorianischen Chorgesängen. 🙂

Gelächter geht leise durch die Reihen der andächtigen Pilger …

Nach dem Segen folgt ein zögerlich-verlegenes „Zu-Bett-Gehen„, denn die Herberge wird ja um 22 Uhr abgesperrt und damit werden alle weiteren Aktivitäten beendet. Wer noch draußen ist hat Pech gehabt. Wir vier verabreden uns für den nächsten Tag zum Frühstück.

Ich bin zwar müde, aber ziemlich aufgekratzt. Der Tag, ganz besonders das Geschenk dieses unerwartet schönen Abends, beschäftigen mich und ich liege noch lange wach. Die halbe Nacht herrscht draußen auf dem Platz und der Straße vor der Herberge Partystimmung. Es ist laut, es knallen Böller, Glas splittert auf dem Pflaster, es schallen Schreie und Gelächter durch die Nacht.
Drinnen hält verhalten ein Schnarchen und Rascheln aus 36 belegten Männerbetten dagegen. Gelegentlich geht mal die Tür zu den Waschräumen (oder zum Frauen-Schlafraum?) nebenan. Ich finde nur wenig Schlaf in dieser Nacht.

Ich bin zwar nicht viel gelaufen heute, aber ich habe viel Schönes erlebt!

Verlauf der heute gepilgerten (und gefahrenen) Strecken – (raw Maps by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 10 km – (insgesamt 200 km gepilgert) – und 70 km mit der Bahn gereist

Tag 10 – Von San Nicolás del Real Camino über Sahagún nach León

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