12.10.2007 (Freitag)
Früh schon rumort es im Schlafsaal, weil alle wegen des nächtlichen Krachs auf León’s Straßen und Gassen schlecht geschlafen haben. Aber ich bleibe erst einmal noch liegen und lasse den anderen Pilgern den Vortritt.
Das Frühstück der Herberge ist schon beendet bis wir (Julia, Caterina, Olaf und ich) auf den Beinen sind. Es sind noch ein paar Reste von Brot, Margarine, Schokocreme usw. zu sehen. Naja, wer zu spät kommt …
Wir beschließen daher, uns für’s Frühstück eine Bar zu suchen.
Jedoch: Es ist 8:15 Uhr und nichts hat offen. Die Straßen und Plätze sind fast menschenleer, nur ein Fahrzeug der Stadtreinigung ist unterwegs und reinigt mit scharfem Wasserstrahl die historische Altstadt vom Partymüll der Nacht.
Jetzt wird uns klar: Aah, es ist Feiertag! – Der 12. Oktober ist der spanische Nationalfeiertag aus Anlass der Entdeckung Amerikas durch Christoph Columbus im Jahr 1492! – Und das war dann wohl auch der Grund für die Feierei in der Nacht.
Das Café eines Hotels nimmt uns auf, so dass wir trotz Feiertag doch noch ein Frühstück bekommen. Unsere Sitzordnung ist die selbe wie am Abend vorher. 🙂
Und weil’s (wieder) so schön ist wie am Vorabend, zögern wir wohl unbewusst den Abschied raus. Denn die beiden Frauen wollen noch eine Nacht in León bleiben, wir Männer wollen aber langsam mal los. Wir tauschen unsere Adressen und Telefonnummern aus und Julia lädt uns alle ein (sie bezahlt unser aller Frühstück – Danke!). Und sie lädt uns auch zu sich nach Hause ein.
Wir machen noch ein Abschiedsfoto (siehe unten) ehe wir uns wirklich trennen.

Julia (D), Caterina (I) und Olaf (D) um ca. 9:30 Uhr nach dem Frühstück
Am Ortsausgang von León erleichtere ich mich kleidungsmäßig etwas, da die vom wolkenlos blauen Himmel strahlende Sonne dafür sorgt, dass es mir schon bald zu warm wird. Nach etwa drei Kilometern legen wir in Virgen del Camino gleich nochmal ’nen Café con leche nach, diesmal auch mit „Teilchen“ 🙂

es handelt sich nicht um Wohn- sondern um Keller- bzw. Lager-Häuschen
Das Dorf Virgen del Camino liegt wenig idyllisch genau zwischen der Autopista León-Astorga (Autobahn AP-71) und dem Flughafen von León. Es hält uns hier daher nicht sehr lange.
Wir (Olaf und ich) marschieren ab hier getrennt weiter, jeder für sich und mit sich allein, das haben wir so verabredet. Ist es zu Beginn noch etwas grün um mich herum, beginnt schon bald eine sehr trockene und karge Landschaft. Diese auch als das Páramo bezeichnete Landschaft prägt die nächsten Kilometer.
Ich bin Olaf irgendwann weit voraus und ziehe weiter bis Chozas de Abajo. Dort mache ich dann eine laaange Pause und warte bis Olaf angeschlappt kommt. Hier treffen wir auf ein „Schwabenpaar“ , einen Karl aus Ellwangen mit seiner Tochter Monika, sowie einen Mann vom spanischen Gesundheitsministerium. Das stimmt uns lustig, denn Karl und Monika berichten von Erfahrungen mit Läusen, Flöhen und Wanzen als sie durch Navarra kamen (die Region die ich mit der ersten Bahnfahrt an Tag 5 übersprungen hatte und wo es außer Flöhen und Läusen vor allem guten Rotwein gibt!). 😉
Derartige tierische Erfahrungen sind mir bisher erspart geblieben. Und soviel kann ich schon verraten: Ich hatte keinerlei derartige Begegnungen während meiner gesamten Reise! – Also: Keine Panik! 🙂
Wir setzen den Weg nach der ausgiebigen Pause zu viert fort und landen später alle in der Herberge von Jesús in Villar de Mazarife, der Albergue El Refugio de Jesús. Karl empfiehlt uns begeistert diese Herberge, in der er wohl schon bei früheren Wanderungen auf dem Jakobsweg genächtigt hat. Wir sind alle sehr gespannt.
Noch bevor wir den Ort Villar de Mazarife betreten, am ersten Haus gleich am Ortseingang, tritt uns ein Mann, eine Art „Abfangjäger“ der Pilger abpasst, in den Weg und will uns zu seinem Haus lotsen. Ein modernes und sauberes Haus, wie uns ein deutscher Gast versichert. – Aber er räumt ein, es hätte dort nicht so „das richtige Feeling“ .
Wir wollen jedoch unbedingt zu Jesús und fühlen uns dort dann auch bestens aufgehoben. 😉
Jesús (bzw. seine Herberge) ist zu dieser Zeit* (2007!) eine kleine Berühmtheit auf dem Camino Francés. Die Herberge befindet sich in einem urigen, bunt angemalten Haus, das unweigerlich an Hippie’s und Flower-Power denken lässt und in dem – sicher nicht nur im Sommer – auch gelegentlich das ein oder andere Graswölkchen um’s und durch’s Haus wabert.
Jesús führt (damals, 2007) das Haus mit seinem Bruder. Die beiden sind auch für den Großteil der bunten Bemalung des Hauses und für einige andere farbenprächtige Malereien im Ort verantwortlich.
(*) Inzwischen scheint die Herberge renoviert worden zu sein (ca. 2018), wird aber noch immer von
Jesús und seiner Familie geführt. – Vermutlich sind auch bei Jesús die „wilden Jahre“ vorbei. 😉
Im Dorfladen kaufe ich noch etwas Brot ein, dann gehen wir zu Roxy zum essen. Die Küche des Hauses hat nur ein Gericht im Angebot, eine Art Eintopf mit sehr fettiger Wurst- und Fleischeinlage. Eine deftige und kräftige Feldarbeiterkost. Jedenfalls bestimmt richtig nahrhaft.
Für la mamá (Roxy) des Hauses ist es wichtig, dass wir etwas in ihr Gästebuch schreiben. Einen Stempel für unsere Pilgerausweise hat sie auch. Auch will sie wissen, wer uns zu ihr geschickt hat, ob es Jesús war? – der gute Junge! – Naja, es war zwar die Frau im Laden in dem ich das Brot kaufte, aber was soll’s! 😉
Die Leute im Dorf halten eben zusammen.
Später in der Herberge halten auch wir zusammen und leeren gemeinsam noch einen Liter Rotwein. 🙂
Erkenntnis oder Weisheit des Tages:
„die Gedanken weg von Dir selbst – nach oben richten!“ – (von Monika, an mich gerichtet)
Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)
Heute gepilgerte Strecke: 22 km – (insgesamt 222 km gepilgert)
