13.10.2007 (Samstag)

Bei Jesús schlafen die Pilger-Schäfchen gut. Ich hatte seit längerem mal wieder ein Zimmer für mich alleine, so habe ich gut und lange geschlafen. – Und: Wein wirkt! 😉

Leider habe ich am Morgen etwas Durchfall und ein flaues Gefühl im Magen. Das Essen gestern Abend bei Roxy war wohl zu heftig für meine Verdauung. Und die Chorizo Wurst, die ich jetzt tagelang gegessen habe, kann ich auch nicht mehr sehen. Mir wird schlecht wenn ich nur dran denke. Ich werfe den Rest einfach weg. Sollen sich streunende Hunde drüber freuen.

Wir sind alle spät dran. Aber obwohl es bereits 9 Uhr ist als wir endlich losgehen, hat im Dorf alles noch geschlossen. Zum nächsten Ort sind es fast 10 km, die zuerst etwas öde auf dem Asphalt der Landstraße und dann über eine Eiersteine-Piste verlaufen. Nach dieser Folter für die Füße gönne ich mir in dem Dorf La Milla del Páramo gleich zweimal Café con leche und etwas Süßes dazu.

erster Abschnitt von Villar de Mazarife über La Milla del Páramo nach Villavante

Es ist wieder sonnig und wolkenlos, aber noch kühl, obwohl es schon fast Mittag ist. Das nächste Stück gehe ich zusammen mit Monika. Über Villavante geht es an Bewässerungskanälen entlang und über die Autopista León-Astorga (AP-71) hinüber, bis zum grünen Bett des Rio Órbigo, über den die 300 Meter lange, mittelalterliche Brücke Puente de Órbigo hinüber nach Hospital de Órbigo führt. Hier warten wir auf die anderen.

Da Monika ihren Vater Karl auf dieser Pilgerreise begleitet, unterhalten wir uns über Vater-Tochter-Beziehungen. Ich hab da ja auch so einige Töchter. 😉

In Hospital de Órbigo trinke ich noch ’nen Café con leche, Karl und Monika nehmen statt dessen je eine Suppe zu sich. – Und dann entdecke ich Myoko, er ist auch hier! – Ist der Mann schnell! – Ich hatte ja erst vorgestern (am Tag 10) die etwa 70 km von Sahagún nach León mit dem Zug übersprungen, er aber nicht! – Und dennoch sind wir jetzt beide hier.

Ich ziehe erst einmal alleine wieder los, Olaf haben wir alle schon kurz nach dem Aufbruch aus dem Blick verloren. Am Ortsausgang nehme ich an einer Weggabelung den rechten, statt den ebenfalls möglichen linken Weg. Dieser (der linke) ist zwar etwas kürzer, aber dafür langweiliger, da er direkt an der Landstraße entlang führt.

Ich gelange nach Villares de Órbigo und etwas später nach Santibáñez de Valdeiglesias. Beide Dörfer passiere ich ohne Zwischenstopp, doch hinter dem letztgenannten mache ich Pause an einem Rastbänkle, das an einer sternförmigen Wegkreuzung (siehe Bild unten) nahe eines Baumes liegt, der ein klein wenig Schatten spendet.

Hier verzehre ich Brot und Käse. Kein Mensch kommt vorbei. Es ist still. Ich bin ganz allein zwischen einem Kreuz und der Skulptur eines Pilgers.
Zugegeben: sie hat eher etwas von einer Vogelscheuche … 😉

Rastmöglichkeit hinter Santibáñez de Valdeiglesias mit Kreuz und Pilger-Skulptur
zweiter Abschnitt über Hospital de Órbigo bis hinter Santibáñez de Valdeiglesias

Offenbar haben alle den anderen Weg genommen, denn obwohl ich hier eine ganze Weile pausiere kommt niemand vorbei. Ich genieße alles um mich, vor allem die Landschaft, in welcher auch gerade mit der Weinernte begonnen wird. 🙂 – Und dieses Licht!

Nur diese ständigen mittelalterlich anmutenden „Eierstraßen“ , also mit Pflaster aus Ei-förmigen Steinen (Fachbegriff: Katzenkopfpflaster), das nervt mit der Zeit schon sehr. Das ist anstrengend für die Füße. Aber wenn man barfuß darauf gehen würde, dann wäre es womöglich eine Art Massage. 😉

Katzenkopfpflaster – ich nenne es Eierstraße
Bildquelle: Google

Und die Fliegen, die mich permanent umkreisen, die nerven auch.

Aber dafür sind die Schmetterlinge schön und zahlreich. 🙂

Hape Kerkeling erwähnt in seinem Buch „Ich bin dann mal weg!“ , dass immer dann, wenn er sich nicht sicher war, ob er noch auf dem richtigen Weg sei, er sich an den Schmetterlingen orientierte:
Auf dem richtigen Weg begleiteten ihn immer Schmetterlinge.

Wenn das so ist, dann bin ich auf jeden Fall richtig. 🙂

Das Erdreich hier ist voller Steine, fast mehr Steine als Erdkrume.
Die Menschen in dieser Gegend verdingten sich früher anscheinend hauptsächlich als Fuhrleute, da der Boden nicht ertragreich war (hab ich gelesen). Die Dörfer wirken auch heute sehr ärmlich, sind oft halb verfallen, zumindest aber so armselig gebaut, dass man grade eben noch so drin wohnen kann.

Dennoch finden sich überall entweder das Symbol der Jakobsmuschel bzw. Pilgermuschel, oder der gelbe Pfeil (Flecha Amarilla), die dem Pilger den Weg nach Santiago de Compostela weisen. Und schriftliche Hinterlassenschaften von Pilgern, aus einzelnen Steinen in die Landschaft neben dem Weg gelegte Worte, meist Vornamen. Auch sie säumen den Weg.

Endlich erreiche ich das „Crucero de Santo Toribio“ . Das Steinkreuz steht erhaben auf einer Anhöhe, von der aus es hinunter geht nach San Justo de la Vega. Dahinter, in etwa sechs Kilometern Entfernung, kann ich die Türme der Kathedrale von Astorga, dem heutigen Ziel, erkennen. In der Ferne erheben sich die Montes de León, durch die ich mich in den nächsten Tagen bewegen werde.

Bildquelle: [1] Von Ismael Miguel via Google

Santo Toribio war übrigens ein Bischof von Astorga im 5. Jahrhundert. Genau an diesem Ort soll der Heilige Turibius der Überlieferung nach mit den Worten „Von Astorga nicht mal den Staub!“ seine Sandalen abgestaubt haben, als er traurig und verleumdet seine Diözese verlassen musste.

Ich schaue hinunter nach San Justo de la Vega. Meine Beine schmerzen, weil alles über 30 Kilometer für sie offenbar einfach zu viel ist. Ich mache noch einmal Pause und genieße den Ausblick. Dann beginne ich zähneknirschend und die Gesäßbacken zusammenkneifend den Abstieg nach San Justo de la Vega. Es ist schon fast 18 Uhr. Der Weg ist breit und hat einen angenehmen Kiesbelag.

Am Ende des Ortes überquere ich die Brücke über den Rio Tuerto und folge stur, jeden Schritt spürend und immer das Ziel im Sinn, der Straße nach Astorga hinein. Gegen 19 Uhr erreiche ich die Kathedrale Santa Maria. Gleich daneben steht ein weiteres auffälliges Gebäude, dem man sofort die Handschrift von Antoni Gaudí ansieht: Der Bischofspalast

Bildquellen:
[1] Von Fernando – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
[2] Von Dietmar Giljohann, CC BY-SA 3.0, Link

Ich habe das Gefühl, dass jeder Passant mich anschaut, wie ich so daher komme:
Abgekämpft, auf wackeligen Beinen stehend, mit der Last des Rucksacks kämpfend, verschwitzt.

Da treffe ich Olaf wieder. Wir stimmen uns kurz ab, denn ich muss erst einmal in die Herberge. Er hat eine Pilgerin namens Kassia (aus Polen) getroffen und ist dann mit ihr weitergelaufen. Und auch Myoko treffe ich in den Gassen wieder, auch er hat sich in der Herberge San Javier einquartiert. Ich kaufe rasch ein paar Postkarten und schreibe in der Herberge schnell eine davon an Zuhause.

Dann besuche ich die Messe in der Kathedrale. Wieder zurück treffe ich auf Kassia und Olaf, die gerade zusammen Essen gehen wollen. Und nun kommen auch Karl und Monika an. Es ist bereits 20:30 Uhr und die beiden haben unterwegs Zeit mit einem französischen Paar verbracht. Nun gehen wir alle zusammen Essen.
Karl lotst uns dazu in die Caféteria des Hotels Gaudí ganz in der Nähe.

Wir haben einen sehr geselligen Abend und nach dem Essen trinken wir in der Herberge noch die Flasche Wein, die ich den ganzen Tag herum getragen habe. Zwei nette Spanierinnen (Africa und Sylvia) gesellen sich zu uns und Karl unterhält uns alle mit vielen seiner Geschichten (nicht allen … wie er betont!). 😉

Karl ist (damals) 69 Jahre alt und ein sehr sympathischer Erzähler von allerlei Geschichten, die immer mit einer Portion Witz gewürzt sind. Er ist bereits seit 1990 immer wieder auf dem Camino unterwegs. Seit er im Ruhestand ist (er ist von Beruf Lehrer) macht er das nun mehrmals im Jahr. Er bietet von zuhause aus private Kulturreisen auf dem Jakobsweg an und ist immer wieder mit meist älteren Menschen hier unterwegs. Eine schöne Ruhestands-Beschäftigung, wie wir alle finden. Seine eigene „Karriere“ als Pilger begann er mit einer „Urkundenfälschung“ wie er gesteht. – Er verrät aber keine Details, der Schelm. 😉

Er ist sowohl ein unterhaltsamer Pilger als auch ein pilgernder Unterhalter. – Ein echtes Original!


Die vor uns liegenden Etappen werden uns an einige, von Legenden und Geschichten umrankte Orte führen. Einer davon ist das Dorf Foncebadón. In einigen Reiseführern (und anderen Büchern, s. u.) wird von großen und gefährlichen, ja sogar tollwütigen (!) wilden Hunden* in Foncebadón erzählt, die gerne mal einem Pilger auflauern. Zumindest eine Quelle dieser Geschichten ist der unten erwähnte Roman von Paulo Coelho, in dem der Erzähler mit einem schwarzen Hund zu kämpfen hat, der das Dämonische symbolisiert. – Also reine Fiktion, kein echter Hund.
Aber mit diesen Geschichten versucht Karl Kassia zu beeindrucken, wobei die Größe der Hunde im Lauf des Abends unter Weineinfluss stark schwankt. 🙂

Ein anderer Ort ist das legendäre Cruz de Ferro, an dem die Pilgernden einer alten Tradition folgend ihre Sorgen oder Wünsche in Form mitgebrachter (teils beschrifteter oder bunt gestalteter) Steine ablegen. Karl versucht nun Kassia dazu zu bringen, dass sie am Cruz de Ferro dem Laster des Rauchens abschwört.

Es ist einer der sehr besonderen Abende, in dessen Verlauf wir dank Karl auch gemeinsam das Lied Gracias a la Vida (von Joan Baez) anstimmen … 🙂

Apropos „andere Bücher“ … zu den Prominenten Namen gehören:

(*) Klarstellung: Die Sache mit den gefährlichen Hunden in Foncebadón war vielleicht einmal wahr, inzwischen hat
das Dorf aber eine positive Entwicklung genommen und kann heute völlig gefahrlos durchwandert werden. 🙂

Verlauf der gesamten heute gepilgerten Strecke – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 32 km – (insgesamt 254 km gepilgert)

Tag 12 – Von Villar de Mazarife nach Astorga

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