14.10.2007 (Sonntag)

Wieder gehe ich (zusammen mit den anderen) eher spät, aber immerhin mit Frühstück im Magen los. – Naja, soweit man 8:30 Uhr eben spät finden kann. 😉

Die Sonne lacht fast sommerlich vom blauen Himmel. Ein Stück hinter dem Ortsausgang von Astorga, an der Abzweigung nach Valdeviejas, machen wir an der Einsiedelei (Ermita) Ecce homo gemeinsam eine erste kleine Pause, ehe wir uns aufteilen und einzeln weitergehen.

Die Einsiedelei (Ermita) Ecce homo aus dem 16. Jahrhundert in der Nähe von Valdeviejas

Ich ziehe recht gemächlich von Dorf zu Dorf und von Bar zu Bar.

In einem dieser Dörfer spreche ich eine junge Frau an, die mit ihrer Kamera auf Motivsuche in der Nähe der Dorfkirche ist. Ich spreche sie auf Englisch an, aber schnell stellen wir fest, dass wir auf Deutsch weiter reden können. Ihr Name ist Julia, anscheinend gibt es viele Julias auf dem Jakobsweg. 🙂
Sie ist aus Frankfurt am Main und Fotografin. Und sie macht mich auch gleich zum Model. 😉

Wir trinken anschließend zusammen Kaffee, reden und lachen und genießen die Zeit. Als wir später den Weg gemeinsam fortsetzen, begegnen wir Kassia und Olaf. Irgendwie kommen wir alle nur langsam voran heute.

Wir machen zu viert einen kleinen Abstecher in die Gassen eines alten Dorfes, das der Weg eigentlich nur peripher streift. Der kleine Umweg in die Häuseransammlung namens Murias de Rechivaldo stellt sich aber als durchaus lohnend für die Motivsuche (vor allem für Julia) heraus.

Wir schlendern herum zwischen ursprünglich erhaltenen Häusern und über alte Pflasterstraßen und Wege. – Hier gibt es definitiv keine „autogerechte“ Straße. Der ganze Ort wirkt irgendwie museal.

Später sind wir dann alle wieder getrennt, jede(r) für sich allein unterwegs. In Rabanal del Camino wollen wir uns wieder treffen, um dann zu entscheiden, ob es von dort noch weiter die Berge hinauf und über den Monte Irago gehen soll oder eher nicht.

Bei einem Jakobsmuschel– und Pilgerstab-Verkäufer am Ortsrand von Santa Catalina de Somoza treffe ich Julia wieder. Ich zögere kurz während ich die Auswahl betrachte, kaufe aber schließlich dem Händler für 4 Euro einen schönen neuen Pilgerstab ab.

Ich habe nämlich inzwischen nicht nur meinen ersten Stab in Pamplona am Bahnhof vergessen, sondern auch meinen zweiten, den ich mir zwischenzeitlich aus der Natur angeeignet hatte, vermutlich in León in der Herberge stehen gelassen. Nun also der dritte. Aller guten Dinge sind drei, so geht die Sage. – Vielleicht achte ich ja besser darauf, wenn ich für ihn bezahlt habe. 😉

Der Verkäufer legt uns die zweite Bar im Ort ans Herz, die Hospedería „San Blas“ die auch Herberge ist, benannt nach dem Schutzheiligen des Ortes. Sie gehört seinem Sohn … 😉

Sie ist aber auch wirklich die bessere und wir genießen dort eine weitere Pause.

Bildquelle: [1] Wisepilgrim-Seite der Hospedería San Blas

Julia macht unterwegs eine Fotoreportage für ihr Diplom in Kommunikations-Design. Als echter Profi ist sie natürlich mit einer Profiausrüstung und einer größeren Anzahl Kleinbild-Filmen unterwegs. Sie macht sicher sehr viele sehr schöne Bilder, auch von mir und Karl später.

Bei der nächsten Pause in einer „Cowboy-Bar“ (Saloon) in El Ganso gönne ich mir mitten am Tag (14 Uhr) einen Rotwein. Erst etwas später realisiere ich, dass ich seit dem Frühstück in der Herberge nichts mehr gegessen habe. Weshalb auch der Wein gleich „durchschlägt“. 😉

An einem Zaun entlang des Weges, der jetzt moderat ansteigt und sich der 1000 Meter-Marke nähert, haben Pilger Kreuze (Kruzifixe) aus Zweigen als Pilgerkunst in den Draht geflochten.

hölzerne Kruzifixe in einem Drahtzaun entlang des Weges

Wir gehen wieder gemeinsam weiter und machen die nächste Pause bei der „Pilgereiche“ vor Rabanal del Camino, um dort die anderen wie verabredet zu treffen. Es ist ein schöner kleiner Ort, der letzte vor dem steilen Anstieg zum Monte Irago, weshalb er auch schon immer eine wichtige Station am Jakobsweg war.

Es ist etwa 16 Uhr und die Klosterherberge Refugio Gaucelmo ist leider bereits voll belegt. Karl möchte gerne (als Einziger) heute noch bis auf den besagten Berg Monte Irago mit dem „Cruz de Ferro“ und an der dortigen Schutzhütte unter freiem Himmel übernachten. Respekt! – das sind sicher noch einmal rund 5-6 Kilometer steilen Anstiegs auf 1500 Meter (!)

Alle anderen wollen lieber in Rabanal del Camino bleiben, den steilen Anstieg lieber am frühen Morgen des nächsten Tages angehen. Wir weichen auf die Herberge Nuestra Señora del Pilar aus, dort ist Olaf bereits einquartiert. Auch eine sehr schöne Unterkunft, mit Innenhof. – Und ich sollte spätestens morgen mal wieder Wäsche waschen …

Bildquelle: [1] Von Anual – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link

Karl verabschiedet sich und zieht alleine los, Monika wirkt dabei etwas niedergeschlagen. Macht sie sich Sorgen um ihren Vater ? – Ich weiß es nicht.

Es war ein leichter Anstieg heute von etwa 800 Meter auf 1150 Meter über dem Meer. Die trockenen Landschaften der Meseta und des Páramo liegen hinter uns, jetzt geht es in die Montes de León. Die Landschaft ist wieder grüner und reicher an Bewuchs. An den Berghängen gibt es Steineichenwälder.

Am Abend besuche ich in Rabanal del Camino eine gregorianisch gesungene Messe mit anschließendem Pilgersegen. Im Inneren der Kirche ist ein Areal abgesperrt, es finden dort gerade archäologische Ausgrabungen statt. Unter dem Fußboden der Kirche wurde eine alte Grablege gefunden. Von einem Steg mit Absperrung aus kann man einen Blick auf alte Gebeine zwischen tief unter dem Fußboden liegenden Mauerresten werfen.

Die Kirche selbst ist klein und schmucklos. So muss Kirche meiner Meinung nach sein: einfach!

Ich mache zum Abschluss des Tages noch einen Spaziergang zu den Sternen. Wie eine Autobahn zieht sich das Band der Milchstraße über den Himmel. Was, wenn alle Sterne Augen wären? Ich muss dabei an Karl und den Gipfel denken. Es ist bestimmt noch schöner dort oben, aber bestimmt auch kalt.

Wir wollen morgen früher losgehen, haben wir besprochen. Und wir wollen uns alle zusammen spätestens in Manjarín bei der legendären Albergue de Tomás treffen (auch eine Berühmtheit am Camino Santiago).

Verlauf der gesamten heute gepilgerten Strecke – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 20 km – (insgesamt 274 km gepilgert)

Tag 13 – Von Astorga nach Rabanal del Camino

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert