15.10.2007 (Montag)
Um 6:40 Uhr lassen ich und die anderen uns wecken. Nach dem Aufstehen und einem kurzen Frühstück gehen wir gegen 7:30 Uhr los. Es ist noch dunkel, aber im Osten hellt sich bereits der Himmel auf. Sterne funkeln noch am Himmel.
Rabanal del Camino schläft noch, als unsere Füße mit leisen Schritten über das Pflaster der alten Gassen schreiten. Vor uns liegt der letzte steile Anstieg in Richtung Monte Irago, dem mit ca. 1500 Metern über dem Meer höchsten Punkt des gesamten Camino Francés. Ihm werden wir nun im Licht des Sonnenaufgangs entgegen gehen, während die Sterne langsam verblassen.

Wir schreiten zügig voran, um die Kühle des Morgens zu nutzen – und natürlich auch, um bald wieder mit Karl zusammen zu treffen und zu hören, wie er die Nacht auf dem Berg verbracht hat.
Dass wir uns einer Menschensiedlung nähern, können wir am Geruch eines Holzfeuers schon lange vor der Sichtung der ersten Häuser erkennen. Wir erreichen Foncebadón, das sich zwischen etwa 1410 und 1440 Metern Höhe am Berg entlang zieht, im rötlichen Licht der Morgensonne. Von Hunden*, weder wilden noch zahmen, ist weit und breit nichts zu sehen oder zu hören. 🙂
(*) Hinweis:
In einigen Reiseführern (und anderen Büchern) wird von großen und gefährlichen, ja sogar tollwütigen (!) wilden Hunden* in Foncebadón erzählt, die gerne mal einem Pilger auflauern. Mit solchen Geschichten hat Karl uns ein paar Tage zuvor zu beeindrucken versucht, wobei die Größe der Hunde im Lauf der Abends stark schwankte.
Daher nochmals folgende Klarstellung:
Die Sache mit den gefährlichen Hunden in Foncebadón war vielleicht einmal wahr, inzwischen hat das Dorf aber eine positive Entwicklung erfahren und kann heute völlig gefahrlos durchwandert werden. 🙂
Obwohl das Dorf einen überwiegend verfallenen und verlassenen Eindruck macht, gibt es hier doch ein paar bewohnte Häuser und sogar ein geöffnetes Café.
Na dann! – Un Café con leche por favor! 😉

Mit Coffein frisch versorgt und motiviert, erreichen wir die Passhöhe und das „Cruz de Ferro“ gegen 9:30 Uhr. Karl ist noch dort und empfängt uns gut gelaunt. Er hat den Sonnenaufgang hier oben genossen und an der kleinen Kapelle unsere Ankunft erwartet.
Ich bin überrascht, wie unerwartet voll es um diese Zeit hier oben bereits ist. Kein mystischer Ort in der Abgeschiedenheit der Berge, an der einsame Pilger ihren „Sorgenstein“ ablegen, sondern ein Ort neben einer Passstraße, die es ermöglicht viele Leute mit Bussen herauf zu karren.
Dem entsprechend wirken die Steine unter dem „eisernen Kreuz“ auch eher wie ein mit einem Muldenkipper abgeladener Schutthaufen, als eine Ansammlung schön einzeln liebevoll abgelegter Steine aus allen Richtungen dieser Welt. Aber das kann ja kaum wundern, wenn nicht nur die Pilger sondern auch Bustouristen hier Steine ablegen.
Hier oben treffen wir auf Horst, einen deutschen Rentner. Er hat vor einiger Zeit seine Frau durch eine Krebserkrankung verloren und kämpft noch immer mit diesem Verlust und der Trauer. Deshalb ist er hier, auf dem Jakobsweg. Um das zu verarbeiten redet er mit jedem darüber und ist stets den Tränen nahe. 🙁
Gegen 11 Uhr machen wir uns gemeinsam daran, auf der anderen Seite des Passes den Weg hinunter nach Manjarín zur Albergue de Tomás in Angriff zu nehmen.
Dort wollten wir eigentlich um 11 Uhr an einer von Tomás (im Templer-Outfit!) abgehaltenen Pilgermesse bzw. einem Friedensgebet teilnehmen, dazu sind wir aber nun leider zu spät dran (obwohl wir doch soooo früh aufgestanden sind). – Horst ist uns bereits voraus und weiter gezogen.
Der Weg schlängelt sich nun in der Höhe als schmaler Pfad zwischen Büschen und Sträuchern hindurch, kreuzt dabei auch mal die Straße und der Blick schweift über die Höhenzüge der Montes de León rund herum.
Vom erneut strahlend blauen Himmel scheint inzwischen wieder eine warme Oktobersonne und erwärmt die Anfangs noch kühle Bergluft. Dann taucht das Ortsschild von Manjarín und ein flaches Steinhäuschen im Gestrüpp abseits der Straße auf.
Die Albergue de Tomás liegt direkt rechts neben der Straße, ein Schild auf der linken Seite weist auf das Refugio hin. Eine Ansammlung bunt verzierter Mäuerchen mit teils überdachten Sitzgelegenheiten, eine Menge handgefertigter bunter Wegweiser mit Kilometerangaben zu Zielen in aller Welt steht am Eingang. Mittendrin liegt geduckt ein gemauertes Haus, eine einfache Behausung. In der Zufahrt döst ein schwarzer Hund flach in der Sonne liegend.
Als wir ankommen läutet zwar die Glocke, mit der Tomás gewöhnlich die Ankunft von Pilgern anzeigt, aber das Gebet hatte gerade geendet. So setzen wir uns auf einer Art Balkon im Freien in die Sonne und genießen das Panorama von diesem einfachen Ort aus.
Wir sitzen paradiesisch inmitten von Ruinen und Verfall und verzehren Brot und Käse, das wir mit einigen hungrigen Katzen teilen. Und natürlich trinken wir auch Kaffee. Wir lassen uns viel Zeit an diesem besonderen Ort, während der Karl mit Tomás über Gott und die Welt philosophiert.
Die einzigen Indizien, dass auch hier die Zeit nicht stehen bleibt, sind einige Windräder in der Umgebung, mit denen Spanien die Erzeugung von Ökostrom (Windenergie) voran treibt.
Während ich dies hier niederschreibe und über Manjarín und Tomás recherchiere, mehr als 18 Jahre nachdem ich diesen Ort besucht habe, stoße ich auf die (recht aktuelle) Information, dass Tomás im Januar 2026 leider verstorben ist. 🙁
Ein Nachruf, eine kleine Biographie, die einen Einblick in sein Leben und seine Motivation gibt, mit der er diese besondere Herberge betrieben hat, ist hier nachzulesen.
Ich konnte auch ein Interview und ein kurzes Portrait über ihn und sein Wirken am Jakobsweg finden.
Zuletzt (nach Corona) wurde ihm die Weiterführung der Herberge wohl auch behördlich erschwert und er sah sich im Juni 2022 gezwungen, die Herberge zu schließen und Manjarín zu verlassen. – (siehe hier) – R.I.P. Tomás, buen camino!
Der weitere Verlauf des Camino führt uns runter nach El Acebo, das auf einem Bergrücken liegt und von wo man so richtig in die Ferne und über die Weite des Bierzo blicken kann.
Es ist nun etwa 14 Uhr und hier oben machen wir jetzt alle zusammen Mittagspause. Olaf gibt sich einer Schlachtplatte hin, Julia bestellt sich Nudeln. Ich gönne mir ein warmes Bocadillo. 🙂
Im weiteren Verlauf des Weges nach Molinaseca kommen wir durch ein ähnlich malerisches Dorf wie El Acebo, es heißt Riego de Ambrós und wirkt mit seinen alten Steinhäuschen, den Schieferdächern und hölzernen Balkonen wie ein altes Schweizer Bergdorf. – Nur (damals, 2007!) verwunschener und verlassener.
Bildquelle: [1] von Hermiaufdemweg auf ihrem Blogeintrag vom September 2025
Auf der engen Pflasterstraße die durch das Dorf führt, schaukeln selbst Busse zentimeterknapp an den alten Holzbalkonen der Häuser entlang um Touristen zum „Cruz de Ferro“ hinauf zu bringen*. – Das gehört wirklich verboten!
(*) Inzwischen wurde wohl eine Umgehungsstraße um das Dorf Riego de Ambrós gebaut
Nun wird keine weitere Pause mehr gemacht. Es war Donner zu hören und hinter uns braut sich eine dunkle Wolkenschicht auf. Die Luft riecht jetzt stark nach Macchia und Harz, nach Maronen, Kastanien und Kieferngewächsen. Der Abstieg ist sehr steil und steinig. Schiefer-Steinplatten die bei Nässe sehr rutschig sind, erfordern die vollen Konzentration um nicht irgendwie falsch aufzutreten.
Plötzlich, als ich grade über Horst und seine Trauersituation nachdenke, formt sich blitzartig eine Gedankenkette zum Thema Liebe, Geburt, Ablauf einer Geburt, der Parallele zum Lebensverlauf, und schließlich zu meinem eigenen Leben in meinem Kopf.
Ein Bild meiner aktuellen Lebenssituation mit einer geschiedenen Ehe, zwei Kindern daraus, der Trennung, einer neuen Verbindung und wieder Kindern darin entsteht vor meinem inneren Auge. Mein Hadern und Zweifeln. – Und dann eine innere Stimme die ruhig, bestimmt und tröstend sagt: „Alles ist gut wie es ist!“ – Und ich muss ich weinen!
„Irgendwann einmal weint jede/r auf diesem Weg“ – schreibt sinngemäß Hape Kerkeling in seinem Buch. Scheint so, als habe er Recht behalten. Jetzt also ich.
Ich bleibe stehen, da sich mein Blick durch die Tränen trübt. Das kann schnell zu einem Fehltritt, zum Umknicken oder einem Sturz führen. Die Augen wieder trocken zu tupfen, um wieder einen (in jeder Hinsicht) klaren Blick zu bekommen, ist jetzt wichtiger als Schritte zu tun.
Kurz darauf setze ich mich hin und genieße die zerklüftete Landschaft. Ab jetzt gehe ich langsamer, rieche öfter mal an den Pflanzen und schaue mich um. Ich fühle mich erleichtert und beruhigt. Bald überholt mich Monika und noch ein paar andere Pilger. Ich lasse sie passieren, lasse sie in ihrem Tempo weiter ziehen und gehe selbst gemütlich weiter. Kurz darauf ist dann schon Molinaseca erreicht.
Ich setze mich zu Monika, die am Tisch einer Bar gleich hinter der romanischen Brücke über den Río Meruelo sitzt. Hier warten wir zusammen auf den Rest der Truppe.
Der Kaffee ist toll, und Schuhe und Socken ausziehen tut auch immer gut! – Erst eine 3/4 Stunde später kommen Kassia und Olaf an. Um 19 Uhr folgt dann endlich auch Karl, nachdem ich inzwischen die Kirche (eine die mal offen war) besucht hatte.
Bildquelle: [1] Von José Antonio Gil Martínez from Vigo, Spain – Molinaseca, CC BY 2.0, Link
Wir beschließen in Molinaseca zu bleiben, da es schon spät ist und es bis nach Ponferrada weitere sechs Kilometer sind. Hinter uns liegen 27 Kilometer, die uns von 1150 Meter auf 1500 hinauf, und dann wieder bis auf 600 Meter hinunter geführt haben. Das reicht für heute.
Die Herbergssuche am Ortsende gestaltet sich zunächst spannend (in welche Richtung?), aber in der sehr neuen Herberge Compostela finden wir Unterkunft und treffen gar auf eine deutsche Hospidalera namens Elisabeth. Sie kümmert sich liebevoll um uns, nachdem unser Charmeur Olaf sie bezirzt und „eingewickelt“ hat. 🙂
Zu zwei deutschen Mädels (Anne & Sabine) ist sie dagegen deutlich schnippischer.
Wir sind leider schon zu spät für’s Abendessen in der Herberge. Auf Empfehlung von Elisabeth gehen wir zum Hostal „El Palacio“ , um dort zu essen. Kurz bevor wir aufbrechen steht Elisabeth mit ihrer Kollegin Caterina am Tresen der Herberge. Wir fragen wann sie schließen. Sie antwortet, solange sie hier sitzen passiert nichts. 😉
Wir nehmen daher noch ’ne Flasche Wein mit (für 4,50 Euro) und trinken sie nach unserer Rückkehr zu sechst im Essraum, mit Erlaubnis der Hospidalera. Gegen 23:45 Uhr fallen wir müde und weinselig ins Bett.
Details und Fragen auf dem Weg dorthin:
Die Tür des Herren-Waschraums ziert ein Amor mit Pfeil & Bogen
Bei den Damen sind es Engelsflügel – was will uns das sagen? 🙂
… oder hat es etwas zu bedeuten, dass letzterer neben der Waschmaschine liegt? 😉
Erkenntnis oder Weisheit des Tages:
„Alles ist gut wie es ist!“ – innere Stimme zu mir selbst
„Irgendwann einmal weint jede/r auf diesem Weg“ – Hape Kerkeling
Heute gepilgerte Strecke: 27 km – (insgesamt 301 km gepilgert)

