16.10.2007 (Dienstag)

Relativ zögerlich brechen wir gemeinsam gegen 8 Uhr in Molinaseca auf, um die ersten acht Kilometer nach Ponferrada, der Hauptstadt des für seine Weine bekannten Gebietes El Bierzo unter die Schuhsohlen zu nehmen.

Wir, das sind Kassia, Olaf, Monika, Karl und ich. Wir nähern uns Ponferrada von Südosten her und kommen zuvor durch das kleine Dorf Campo.

Hier wirkt noch alles ländlich. Alte verfallende Häuser stehen zwischen neueren. Es sind bauliche Zeugen einer kargen Vergangenheit. Meist führt eine kurze Steintreppe zum etwas höher gelegenen überdachten Eingang und alte Weinreben ranken sich empor (Bild unten).

Von Weitem wirkt Ponferrada wegen des Gürtels von gleichförmigen Neubauten, der die Stadt umgibt, eher hässlich. Doch davon darf man sich nicht täuschen lassen und der Pilger sucht ja nach dem wahren Kern der Dinge … 😉

Aber so ist das heutzutage:
Eine altehrwürdige Stadt mit Geschichte und einer sehenswerten Altstadt, in diesem Fall sogar mit einer Templerburg, ist von einem modernen Moloch aus Autobahnen, Schnellstraßen, Industrie-Gebieten und phantasielosen Wohnschachteln umgeben. Ein betoniertes Dickicht, durch das man sich aus der Landschaft kommend erst einmal durchkämpfen muss. Als Fußgänger, als Wanderer und Pilger, fällt einem das ganz anders auf (und schwer), als dem Auto- oder Zug-Reisenden Menschen.
Dass es sich aber lohnen kann zeigt diese touristische Beschreibung von Ponferrada und Umgebung.

Bildquelle: Von Gabriel Fdez. from San Miguel de las Dueñas (León), España – Ponferrada, CC BY 2.0, Link

Unser erstes Ziel ist der Bahnhof, da Monika und Karl für ihre heutige Rückfahrt eine Zugverbindung nach Stuttgart brauchen. Der Bahnhof liegt praktischerweise nahe an der Stelle, an der wir die Stadt betreten.

Eine geeignete Zugverbindung gibt es aber erst um 13:21 Uhr, daher begeben wir uns in die Altstadt um Kaffee zu trinken. Dabei kommen wir an der alten Templerburg vorbei, die zwar eindrucksvoll über der Stadt liegt, aber in ihrer Geschichte einiges an Ignoranz ertragen musste. So wurde beispielsweise ihr Innengelände eingeebnet und zeitweise als Fußballplatz genutzt. 🙁

Bildquelle: [1] Von de:Benutzer:Dietmar_Gikjohann at http://de.wikipedia.org/, CC BY-SA 3.0, Link

Direkt in einer verkehrsberuhigten Straße setzen wir uns an einen einzeln in der Sonne stehenden Tisch, der da genau auf uns gewartet zu haben scheint. Wir bestellen uns Kakao, Kaffee oder Cappuccino und dazu Hörnchen. Und weil’s so schön und auch lecker ist, trinken wir gleich zwei Kaffee bzw. Schokoladen. Oder drei ? 😉

Und so verbringen wir die ganze Zeit bis zur Abfahrt des Zuges. Wir tauschen unsere (Email-)Adressen aus, ehe wir Karl und Monika verabschieden. Und so löst sich wieder einmal ein kleines soziales Gefüge (teilweise) auf, das auf diesem Weg für eine kurze aber schöne Zeit entstanden ist.

Mit Olaf und Kassia verlasse ich dann Ponferrada gaaaanz langsam gegen 14 Uhr. Unterwegs tätigen wir noch einen Einkauf in einem Supermercato. Die Suche nach schönen Postkarten bei einem Kiosk und Süßwarenladen endet jedoch leider wieder mit der Erkenntnis: Fehlanzeige.

Die vor uns liegenden 18 km die wir heute noch bewältigen wollen, zerteilen wir mit Bar-Stopps in fünf bis acht Kilometer lange Häppchen. Dabei gehe ich meist etwas voraus, um Olaf und Kassia ungestört turteln zu lassen. 😉

Hinter Camponaraya befinde ich mich endlich mitten im Weinland und bleibe gleich bei der ersten Winzergenossenschaft Viñas del Bierzo am Wegrand hängen. Hier kann man als Pilger die Flasche Wein für 1 Euro (!) kaufen – und bekommt dafür gleich noch ’nen Stempel in den Pilgerpass. 🙂

Bildquelle: [2] von der Webseite der Winzergenossenschaft Viñas del Bierzo

Weiter geht’s durch die Weinlandschaft, die im Nachmittagslicht in allen herbstlichen Farben leuchtet. Unglaublich schön! – Ich fühle mich sofort darin aufgenommen und geborgen. Wo man Wein macht, da fühle ich mich wohl !

Am linken Wegrand steht ein hölzerner Wegweiser, der gern noch 195 km nach Santiago de Compostela ausweisen würde, aber dessen schön beschriftetes Täfelchen leider am Boden liegt und leicht beschädigt ist. Ich repariere es provisorisch und bringe das Täfelchen wieder am Pfosten an. Zufrieden mit dieser guten Tat setze ich meinen Weg fort. 🙂

links das provisorisch reparierte Schild Santiago de Compostela 195

Überall in der Landschaft sind Storchennester auf Strom- und Telegrafenmasten zu sehen. Eigentlich auf fast allem, was eine gewisse Höhe über dem Boden bietet.

Kurze Zeit später komme ich kurz vor Cacabelos an einem Haus, einem Gehöft vorbei, dessen großes Tor offen steht und in dessen Innern einige ältere Männer dabei sind, mittels einer altehrwürdigen Weinpresse Wein zu pressen. Einer steht mit den Füßen im bzw. auf dem Bottich – wie einst, nur dass er (hoffentlich saubere) Gummistiefel trägt.

Ein angekettetes Schaf (Lamm) und ein frei laufender Hund übernehmen den „Wachdienst“. 🙂

Ich frage, ob ich Fotos machen darf. Ich darf, mache ein paar Bilder und bekomme sogleich ein Glas Wein gereicht. Es sind fröhliche und freundliche Männer, die sichtlich mit Freude ihrer Arbeit nachgehen. Sie schreiben mir beim Abschied ihre Adresse auf einen Zettel, damit ich ihnen später die Bilder per Post schicken kann (was ich auch tatsächlich mache).

Nun fallen einige wenige Regentropfen und vertreiben mich endgültig aus der Gegend um Camponaraya. Es ist aber nicht mal ein richtiger Schauer und hört schon bald wieder auf. Etwas weiter südlich bei den Bergen scheint es aber stärker zu regnen, wie an den Wolken und den herabhängenden „Regenvorhängen“ zu erkennen ist.

Schließlich erreiche ich Cacabelos, wo Olaf und Kassia schon vor mir angekommen sind (ich habe mich wohl länger bei den Weinmachern aufgehalten …) 😉

Bildquelle: [3] das Foto der Herberge Cacabelos stammt von dieser Seite

Die Albergue des Cacabelos am Ortsende ist lustig, sie besteht aus 2-Bett-Kämmerchen die entlang der Kirchenmauern im Innenhof um die Kirche gruppiert sind. Sehr nett. Ich checke ein und stelle fest: Auch Julia ist hier gelandet. Witzig, sie ist in der Kammer neben mir untergebracht, während Kassia und Olaf ein Kämmerchen zusammen nehmen. 😉
Sie wollen auch später noch in die Messe.

Julia und ich machen uns derweil schon mal auf Restaurant-Suche und finden die Bodega El Niño, die noch bis 22 Uhr eine Weinprobe veranstaltet. 🙂

Wir suchen uns aus der Auswahl von Weinen einen aus und bestellen schon mal. Später kommen Kassia und Olaf noch dazu. Und hier komme ich nicht umhin zu erwähnen, dass Olaf’s Wirkung auf das weibliche Geschlecht wirklich unglaublich ist. Die Bedienung der Bodega hat ihn auch sofort „lieb“ und spendiert ihm einfach so eine Kugel Schokoeis zu dem bestellten Flan (klassischer Vanillepudding, im Ofen gebacken und mit Karamellsauce und Sahne serviert) dazu. Man(n) könnte glatt neidisch werden … 😉

Zu viert leeren wir zwei Flaschen Wein und setzen dann noch einen Orujo (Schnaps) drauf.
Für heute langt’s jetzt.
Das war wieder ein sehr schöner Abend ! – Wir haben viel gelacht, aber nun geht’s in die Schlafsäcke. Zum Glück schließt die Herberge hier erst um 23 Uhr.

Erkenntnis oder Weisheit des Tages:
Man kann Begegnungen mit Menschen nicht festhalten. Sie kommen und gehen. Manchmal verweilen sie länger, manchmal nur ganz kurz. Aber immer bleibt (in) uns erhalten, was wir gemeinsam erleben durften. Das kann uns nichts und niemand nehmen, das bleibt in unseren Herzen.

Wo man Wein macht, da fühle ich mich wohl !“ – eigene Feststellung in Weingebieten

Verlauf der gesamten heute gepilgerten Strecke – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 24 km – (insgesamt 325 km gepilgert)

Tag 15 – Von Molinaseca ins Bierzo nach Cacabelos

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