17.10.2007 (Mittwoch)
Heute muss ich nach dem Wecken, Waschen und Zusammenpacken wieder einmal ohne Frühstück los. Kassia und Olaf sind noch nicht soweit, daher mache ich mich gegen 8 Uhr schon mal alleine auf den Weg. Ich verlasse Cacabelos und nehme mir vor, in der nächsten Bar auf die beiden zu warten. – Leider kommt da aber erst mal lange keine Bar.
Dafür ist der Sonnenaufgang grandios und ich mache Bilder davon. Erst im Halbdunkel mitten auf der Straße, dann – nachdem der Weg von der Straße abzweigt – mitten in den Weinbergen stehend.
An einem Brunnen, an dem ich mich mit Wasser versorge, vergesse ich dann (wieder mal) meinen Pilgerstab. Zum Glück merke ich es schon bald, also gehe ich zurück um ihn wieder an mich zu nehmen. – Der Stab und ich, wir sind noch nicht so richtig Eins.
Nach einer guten Wegstrecke in den Weinbergen, hinter dem halbverfallenen Dorf Pieros und einem gut sortierten wilden Mülldepot im Grünen, stoße ich plötzlich auf ein Schild das „Desayuno“ (Frühstück) verkündet und nach scharf rechts weist. Ich wende meinen Blick in die angezeigte Richtung.
Eine kleine weiß-grau gemauerte Steinhütte, steht etwa 30 Meter neben dem Weg. Davor warten drei kleine einfache Tische mit Stühlen, zwei davon mit Tischdecken versehen, auf erste Gäste. Auf einem der Tische steht sogar über ein Sträußchen. Eine kleine ältere Frau tritt aus dem Häuschen, begrüßt mich und bietet mir Kaffee und Brötchen für 2 Euro an. 🙂
Als ich mein Frühstück beendet habe und gerade aufbrechen will, kommt eine „weibliche Pilgerinnen-Armada“ bestehend aus Julia und Anne, zwei Däninnen und einer Norwegerin an. Von Kassia und Olaf keine Spur. Ich mache den Damen Platz und begebe mich wieder auf den Camino, ziehe weiter durch die leuchtenden Weinberge in Richtung Villafranca del Bierzo. Auf dem Weg dorthin begleiten mich immerzu einige in der Sonne auf- und ab-„hüpfenden“ Schmetterlinge.

In Villafranca del Bierzo lege ich eine längere Pause ein und gönne mir ein zweites Frühstück auf dem sonnenbeschienenen Balkon einer Bar, direkt über dem Río Burbia und mit Blick auf die Brücke und den gegenüber liegenden Teil der Stadt. Hier lässt es sich bei Cappuccino und Croissant sehr gut verweilen. 🙂
Nach fast einer Stunde, in der ich unter anderem meine Reisenotizen geschrieben habe und nach der von Kassia und Olaf noch immer nichts zu sehen ist, beschließe ich nicht länger zu warten. Ich breche wieder auf. Es gibt von hier aus nun zwei Möglichkeiten:
- – im Tal dem „normalen“ Camino entlang des Straßenverlaufs folgen, oder ….
- – oberhalb des Tales auf dem „Camino Duro“ , dem harten Weg, weiter gehen.
Ich entscheide mich für die harte Tour, einfach weil ich gerne in der Höhe bin und die Aussicht genieße. Der Anstieg ist denn auch gleich vom Ort weg richtig steil. Villafranca del Bierzo liegt auf etwa 500 Metern Höhe, innerhalb der ersten Stunde steige ich bestimmt bis auf 750 Meter hinauf, dann wird es etwas flacher. Es ist inzwischen fast Mittag und schon recht warm. Der Aufstieg ist wirklich anstrengend, es fließt viel Schweiß und demzufolge ist der Wasserverbrauch hoch in dieser ersten Stunde. Dafür werde ich aber mit einer immer phantastischer werdenden Aussicht entschädigt.
Schließlich bin ich auf rund 930 Metern Höhe angekommen, habe also rund 430 Höhenmeter erklommen. Jetzt folge ich hier oben für etwa acht Kilometer dem harten Weg, dem Camino Duro.
Es ist fast niemand anzutreffen. Die ganze Zeit über bin ich, abgesehen von dem ein oder anderen Bauern, allein unterwegs. Von hier oben ist zu sehen, wie sich tief unter mir die Straße zusammen mit der Autobahn durch das enge aber liebliche Tal schlängelt, in dem auch noch der Río Valcarce fließt. Es sieht fast ein wenig aus wie im Allgäu oder im Schwarzwald.
Aber das ist nur, was das Auge sieht. Die Ohren melden: Motorisierter Verkehr donnert durch das optische Idyll, über die Landstraße (N-6) und die Autobahn (A-6). Da habe ich es hier oben erheblich ruhiger erwischt.
Der Camino Duro führt entlang eines Biosphären-Reservats und irgendwann durch einen lockeren Kastanienhain. Beim genauer Hinsehen bemerke ich: Es sind Esskastanien oder Edelkastanien (Maroni).
Die reifen Maroni liegen zahlreich am Boden, da kann ich nicht widerstehen: Ich sammle so viele Maroni ein, wie ich verstauen kann. Mit randvollen, ausgebeulten Hosentaschen, sowie einer bis zum Platzen gefüllten Tüte vom letzten Einkauf, geht es dann wieder 350 Meter hinunter in das steil am Hang liegende Bergdorf Trabadelo.
Andere deutsche Pilger haben von diesem Abschnitt im Jahr 2015 mehr (digitale) Bilder gemacht als ich damals (2007) analog, deshalb verweise ich hier gerne auf deren Blog-Eintrag zum Camino Duro.
In Trabadelo fasse ich Wasser und treffe einen Hippie mit seiner US-amerikanischen Frau Charlotte. Leider gibt es hier anscheinend keine Bar für mich. Schade eigentlich. Also weiter, immer weiter. – „Keep on running“ – (so steht’s auf meinem T-Shirt). 😉
Kurz bevor ich den Ort Vega de Valcarce erreiche, lege ich nochmal eine kurze Rast bei „La Portela de Valcarce“ ein. Früher war das mal ein eigenständiges Dorf, inzwischen gehört es zur Gemeinde Vega de Valcarce. Es liegt auf einem Sattel am Übergang zwischen zwei Tälern. Der Namensteil „Portela“ bedeutet in etwa „kleines Tor„. – Ein wenig mehr über den Ort ist hier beschrieben.

Der Deutsche, der ankommende Pilger schon damals bei der Ankunft in Villar de Mazarife (siehe Tag 11) gleich am Ortseingang in „seine“ Herberge lotsen wollte, ist auch hier und fordert mich (erneut) auf, doch auch hier zu bleiben. Seltsame Marotte. Ob er Anschluss sucht ? – Ist ja jetzt nicht sooo schwierig, hier Menschen kennen zu lernen. Ich lehne freundlich ab und gehe weiter nach Vega de Valcarce.
Das Brazil-Refugio (es scheint inzwischen nicht mehr zu existieren), auf das ich zuerst aufmerksam werde, ist jedoch üble Abzocke. Die wollen 25 Euro die Nacht. Als Pilgerherberge ! – Für den Betrag kann ich in eine Pension gehen!
Ich gehe daher weiter zur sehr netten städtischen (municipal) Albergue de Vega de Valcarce. Anne (die zeitweise mit Julia lief) kommt noch, sonst kommt niemand mehr. Keine Kassia, kein Olaf, keine Julia. Die Herberge verfügt über eine kleine Gemeinschaftsküche. Vielleicht koche ich heute mal selber !?

Es war ein sehr anstrengender Tag durch den Camino Duro in der Mittagshitze. Ein Patrick (alias Lux), der mit Flip Flops (!) und einem alten unförmigen Armee-Rucksack (ohne Tragegestell, Hüftgurt oder ähnliches) unterwegs ist, kocht freundlicherweise Omelette für mich mit. 🙂
Er ist 47, Aussteiger und als Schmuckverkäufer auf dem Camino Francés unterwegs. Er läuft den Weg praktisch immerzu auf und ab, und produziert und verkauft hier seinen selbstgefertigten Schmuck aus Silberdraht, Lederbändern, diversen Anhängern und Perlen.
Wir trinken zwei Flaschen Wein und alle kriegen zum Nachtisch heiße Maroni, die wir in einer geeigneten Eisenpfanne mit Löchern im Boden (siehe Bild unten) auf dem Gasherd rösten.

Um Mitternacht legen wir uns leicht beschwingt in die Betten. Die Herberge ist einfach, bunt und schön und die Hospidalera heißt Maria. 🙂
Heute gepilgerte Strecke: 24 km – (insgesamt 349 km gepilgert)

