18.10.2007 (Donnerstag)

Wieder gehe ich erst relativ spät los, um Olaf und Kassia die Möglichkeit zu geben, zu mir aufzuholen. Auch lege ich viele Pausen ein. Der Weg zieht sich entlang der Straße durch das Tal des Río Valcarce, gesäumt von Nußbaum- und Kastanienwäldern.

Auf den Wiesen im Talgrund grast das Vieh das frische, feuchte Grün des kühlen Morgens. Ich passiere die Orte Ruitelán und Las Herrerías de Valcarce, sowie Hospital.

Kurz darauf steigt der Weg an und führt aufwärts nach La Faba. Erfolgte mein Start in den Tag auf etwa 600 Metern Höhe, liegt La Faba schon wieder auf 900 Metern Höhe.

Wenige Meter vor dem eigentlichen Ort liegt rechter Hand die kleine Kirche Iglesia de San Andrés und in direkter Nachbarschaft die Herberge Albergue La Faba. Diese wurde sogar von einem Verein aus Stuttgart, dem Vltreia e.V. (gesprochen „Ultreia„) errichtet.

Ich hatte einige Tage zuvor mit Karl einmal ein Gespräch über La Faba, in dessen Verlauf er mir davon erzählte, dass dort sogar ein Stein mit einer deutschen Inschrift neben der Kirche steht. Karl hatte auch immer so ein paar kleine, selbst gestaltete und kopierte Kärtchen parat, die er allen Menschen die er traf, überreichte. Darauf war auf der einen Seite eine kleine Zeichnung sowie ein Spruch, auf der Rückseite ein Lied oder Gebet. Tatsächlich war Karl in vielen Herbergen auf dem Camino recht bekannt und wurde von den Hospildaleros als Carlos angesprochen. 🙂

Bildquelle: [1] von der Homepage des Vereins Vltreia e.V.

Der Ausruf „Ultreia“ , oder „Ultreia et suseia“ , lateinisch für „weiter“ oder „weiter und höher“, begleitete ihn ständig. Auch die Ode an die Freude von Friedrich Schiller war fester Bestandteil seines Repertoires.

Nach kurzem Aufenthalt bei der Kirche gehe ich weiter in die Ortsmitte, wo ich auf die urige, bunte und „alternative“ Herberge stoße, die mit dem Schlagwort „vegetarisch“ wirbt. In ihrem Umfeld verweile ich länger, und genieße die Sonne und die Atmosphäre.

Herberge El Refugio in La Faba

Wie ich bei Recherchen im Netz feststellen musste, ist diese „alternative“ Herberge leider am 1. Januar 2022 einem Brand zum Opfer gefallen. Sie war aber wohl auch davor schon eine Zeit lang geschlossen, vermutlich als Folge der Corona-Zeit. 🙁
(Eintrag im Pilgerforum und Zeitungsartikel dazu)

Nach einiger Zeit verlasse ich La Faba bei weiterhin schönstem Wetter. Eine herrliche, weite Aussicht über ganz Leon und Kastilien bietet sich mir mit zunehmender Höhe. Im Örtchen La Laguna de Castilla setze ich mich auf 1150 Metern Höhe nochmals auf ein Mäuerchen am Wegrand und pausiere.

Schließlich erreiche ich fast die Oberkante des Gebirgskammes und fühle mich „dem Himmel nah“ . Am Wegrand steht (bei Km 152) auffällig bunt und mich in leuchtenden Farben anschauend der Grenzstein der autonomen Gemeinschaft Galicien.

Nun ist es nicht mehr weit, etwa ein Kilometer und ich betrete den höchstgelegenen Ort des Camino Francés, das Dorf O’Cebreiro. Der ursprünglich wirkende Ort mit seinen typischen galicischen Rundhütten keltischen Ursprungs, den sogenannten Pallozas, liegt nahe dem Cebreiro-Pass auf dem Sattel zwischen zwei Gipfeln auf etwa 1300 Metern Höhe.

Obwohl es noch früh am Tage ist, erst etwa 13:30 Uhr, beschließe ich hier oben zu bleiben. Ich quartiere mich in der örtlichen Albergue de Peregrinos O’Cebreiro ein und erkunde dann ein wenig die nähere Umgebung. Ohne Rucksack fühle ich mich federleicht.

Aus fast allen Häusern im Dorf erklingen Celtic Songs und in etlichen kleinen Geschäften wird keltisches Kunsthandwerk feilgeboten. Auf der anderen Seite des Passes liegt Galicien. In meinem Pilgerführer steht, dass es dort recht häufig regnet. Bisher hatte ich wettermäßig ja großes Glück. Es liegen jetzt noch etwa 150 Kilometer bis nach Santiago de Compostela vor mir.

Mein kleiner Erkundungsausflug führt mich auch auf den in der Nähe befindlichen Gipfel, den O Teso da Cruz auf 1360 Meter Höhe. Von hier aus habe ich eine hervorragende Rundumsicht bis weit ins Land hinein, die kaum zu beschreiben ist. Ich verbringe hier oben beim Gipfelkreuz einige Zeit und genieße mein Mittagsmahl, bestehend aus Brot, Käse und einer Banane.

Wenn es eine klare Nacht wird, dann werden hier oben sicher viele Sterne zu sehen sein. Mal sehen.

Anne und Sabine kommen noch vorbei, wollen aber nicht hier oben bleiben sondern weiter gehen. Olaf kommt spät und alleine, ohne Kassia. Wir sitzen lange zusammen auf einer Mauer am Straßenrand und betrachten gemeinsam den malerischen Sonnenuntergang. Anschließend besuchen wir in die Messe in der kleinen Kirche „Santa Maria a Real“ und danach zum Essen.

Bildquelle: [2] von amaianos, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

Wir reden viel an diesem Abend, denn Olaf scheint sich ein wenig in Kassia verliebt zu haben, die das jetzt hier auf dem Camino aber nicht haben möchte.

Wir sitzen lange im Restaurant, reden und trinken viel. Später betrachten wir gemeinsam mit einer Pilgerin aus Korea (Jeannie) den wirklich imponierenden Sternenhimmel. Die abendliche Stimmung hier oben hat etwas Ursprüngliches, etwas Abgeschiedenes: Kaum künstliches Licht, es ist sehr dunkel am Himmel. Von überall her kann man den Geruch von Holzfeuern riechen, der aus den Kaminen der wenigen kleinen, niedrigen Häuser kommt.

Ich habe relativ viele Fotos gemacht heute und bin dafür ziemlich wenig und auch langsam gepilgert. Kassia und Julia sind anscheinend in La Faba geblieben und Olaf erzählt, er hätte einen Herbert getroffen. Ob es wohl der war, von dem ich mich vor einer Woche (in Sahagún, siehe Tag 10) verabschiedet habe?

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 13 km – (insgesamt 362 km gepilgert)

Tag 17 – Von Vega de Valcarce nach O’Cebreiro

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