19.10.2007 (Freitag)
Der Morgenstern leuchtet noch hell und ein kleiner Halbmond hängt auch noch am Himmel, während sich der Sonnenaufgang ankündigt. Die Silhouetten der Bergketten sind schattenhaft erkennbar und es ist ziemlich kalt am Morgen hier oben, auf 1300 Metern Höhe. Ich beobachte still den Sonnenaufgang, so lange Olaf sich noch fertig macht. In den Tälern in Galicien liegen die Wolken wie Milchseen oder Wattestreifen.
Als Olaf fertig ist frühstücken wir zusammen mit Suzanna und Emilio, einem Pärchen aus Zaragoza. Gegen 9:45 Uhr gehe ich dann schon mal los, denn Olaf will noch (auf Kassia) warten … (jaja, die Liebe …). 😉
Allein begebe ich mich auf den Weg, der mich zunächst nach Triacastela führen soll. Unterwegs begleiten mich herrliche Ausblicke vom Höhenweg hinab in die galicische Weidelandschaft (wie im Allgäu, nur galicischer).
Das erste Dorf das ich passiere ist Liñares und eine halbe Stunde später erreiche ich den Alto di San Roque (Sankt Rochus Anhöhe), wo sich auf 1270 Metern Höhe die Statue eines Pilgers eindrucksvoll gegen den – manchmal sicher eisigen – Wind stemmt.

Ich komme durch kleine Dörfer, teils ohne Straßenbelag, dafür aber mit reichlich Kuhfladen. Ich trete absichtlich (aber nicht barfuß) in einen rein, das soll ja Glück bringen. 🙂
Der Weg verläuft jetzt stets auf einer Höhe zwischen 1200 und 1300 Metern und bietet bei so gutem Wetter, wie ich es zum Glück habe, eine tolle Fernsicht.

Die nächsten Dörfer durch die ich komme sind Hospital da Condesa und Padornelo, dann passiere ich den Weiler O’Poio auf dem Alto do Poio, einem 1337 Meter hohen Pass, vor dem nochmals ein kurzer Anstieg erfolgt, bevor ich – immer in der Nähe der Straße – mit Fonfría den nächsten Ort erreiche.
Eine Frau bietet am Ortsende selbstgemachte Pfannkuchen gegen Donativo (Spende) an. 🙂
Ich nehme gerne einen der frischen und noch warmen Pfannkuchen und spende der Frau dafür einen Euro. Dieses Angebot wird sogar in meinem Reiseführer erwähnt, scheint also keine Ausnahme, sondern so etwas wie eine Institution zu sein.
Die kleine Häuser-Ansammlung abseits der Straße, die auf den Namen O’Biduedo hört, wartet mit einem schönen Rastplatz bei der nahegelegenen Ermita de San Pedro auf.

Bildquelle: Von José Antonio Gil Martínez from Vigo, Spain – Biduedo, CC BY 2.0, Link
Kurz darauf beginnt erst allmählich, dann immer deutlicher werdend, der Abstieg in tiefere Gefilde. Kurz bevor ich mit Fillobal den nächsten Weiler erreiche, bietet auf knapp über 1000 Metern Höhe der Aussichtspunkt Miradoiro dos Carreiros eine schöne Aussicht.
Hier mache ich Rast um zu Mittag zu vespern. Dabei verletze ich mich leider ordentlich am linken Zeigefinger, als ich mit dem Taschenmesser Käse schneide. Die Folge ist ein Schweißausbruch und Schwindel, da es sofort sehr stark blutet. Ich beginne eine Selbst-Verarztung mit abdrücken der Blutung durch anwinkeln des Armes und halten desselben oberhalb des Herzens. Um die Wunde versorgen zu können versuche ich, an mein Verbandszeug im Rucksack zu gelangen. Gar nicht so einfach mit nur einer Hand (unter Zuhilfenahme des Mundes und der Zähne) ohne dabei alles mit Blut zu verschmieren. 🙁
Als ich die Blutung endlich unter Kontrolle habe ist um mich herum doch so ziemlich alles rot befleckt. Ich beschließe, heute doch nicht mehr weiter als bis Triacastela zu gehen. Ich fühle mich schwach.
Bildquelle: [1] Von Jule_Berlin – originally posted to Flickr as [1], CC BY 2.0, Link
Ich verlasse meinen Rastplatz und setze mit noch immer etwas zittrigen Beinen den stetigen Abstieg, teils im Zickzack und die Schleifen der Straße kreuzend, erst nach Fillobal und dann nach Pasantes fort. Den linken Arm halte ich dabei immer angewinkelt und oberhalb des Herzens. Bei gefühlt jedem Schritt pocht das Blut spürbar im angeschnittenen Zeigefinger. 🙁
Nach jedem der kleinen Örtchen folgt ein weiterer Abstieg, so dass ich schließlich Ramil auf etwa 700 Metern Höhe erreiche, wo eine beeindruckende – 800 Jahre alte – Kastanie auf alle Ankommenden wartet. – DAS ist mal ein Baum ! 😮
Schon wenige hundert Meter weiter ist mit Triacastela das heutige Tagesziel erreicht. Bis nach Sarria (was ich zuerst im Sinn hatte) wären es weitere 15 Kilometer, also mehr als drei Stunden und es ist bereits kurz vor 16 Uhr. Das würde eine sehr späte Ankunft werden.
Statt dessen stecke ich die vor mir liegenden Etappen nochmal ab, während ich einen Kaffee trinke. Dann checke ich in der am Ortseingang schön im Grünen liegenden kommunalen Herberge von Triacastela ein. Mal sehen ob nicht noch eines der mir bekannten Gesichter ankommt. 😉
Ich mache einen Spaziergang durch den Ort und besuche unter anderem die romanische Kirche Santiago de Triacastela, wo ich mir einen Stempel in meinen – seit O’Cebreiro – zweiten Pilgerpass stempeln lasse. Der erste ist inzwischen bereits voll gestempelt.
Ich kehre wieder zur Herberge zurück und trinke einen weiteren Kaffee. Dabei lerne ich Frank kennen, der wie ich auch noch Wäsche zu waschen hat. Zusammen füllen wir beide unsere Wäsche in eine der Maschinen und gehen anschließend gemeinsam zum Essen. Als wir das Haus verlassen kommt gerade ein deutscher Vater an, der mit seinen beiden Töchtern (13 und 18 Jahre jung) unterwegs ist. – Respekt !
Als wir gerade beim Essen sind, betreten Olaf und Julia das Lokal. Ich freue mich sehr, sie müssen sich aber zunächst an einen anderen Tisch setzen, da außer Frank und mir noch ein Allgäuer Ehepaar (Franz und Hilde) mit am Tisch sitzen und im Moment kein Platz mehr frei ist. Später, als das Allgäuer Paar gegangen ist, setzen sie sich zu uns und es wird wieder ein langer und geselliger Abend. 🙂
Wir Rätseln wie lange die Herberge wohl geöffnet hat, denn es ist bereits 22 Uhr. Egal, Wein und Orujo (der Schnaps) fließen in Strömen und wir lachen viel. Es ist zu schön um ans Aufhören zu denken. 😉
Schließlich ist es aber doch Zeit auseinander zu gehen. Julia und Olaf sind in einer anderen Herberge untergebracht, die beim Restaurant gleich um die Ecke liegt. Ich verabschiede mich daher heute Abend endgültig von Julia und Olaf, da ich von nun an schneller voran kommen möchte, um es in der mir noch verbleibenden Zeit (etwa fünf Tage) nach Santiago de Compostela zu schaffen. Die letzten beiden Tage habe ich ja etwas getrödelt. – Und da ist es wieder, dieses Wehmut-Gefühl das mich so oft befällt, wenn es heißt Abschied zu nehmen.
Frank und ich haben einen etwas weiteren Weg zu unserer Herberge. Wir kommen aber glücklicherweise noch rein und müssen nicht vor der Tür schlafen. 😉
Ich nehme unsere fertig gewaschene Wäsche aus der Maschine und stecke sie in den Trockner, damit sie morgen früh gleich fertig ist. Alles schläft schon und ich bin mal wieder der Letzte. 😉
Heute gepilgerte Strecke: 22 km – (insgesamt 384 km gepilgert)

