05.10.2007 (Freitag)

Wecken = Licht an. – Um 7 Uhr wird in dem riesigen Schlafsaal das Licht angeschaltet. Das ist das Signal an alle, sich jetzt aus dem Schlafsack zu bequemen. Um 8 Uhr müssen alle die Herberge verlassen haben, dann schließt sie wieder bis zum späten Nachmittag. Und in dieser einen Stunde von 7 bis 8 Uhr wollen viele duschen, sich waschen und rasieren, oder auf die Toilette. Oder alles zusammen. 🙂

Nachdem ich um 8 Uhr die Herberge verlassen und mich auf den Weg gemacht habe, bemerke ich nach einiger Zeit, dass ich meinen Wanderstock vergessen habe. Mist. 🙁 Zum Glück war ich noch nicht so weit gekommen. Also schnell nochmal zurück und das gute und wichtige Stück eingesammelt.  🙂

Es hat die ganze Nacht über immer wieder geregnet und alles ist noch naß. Es hellt aber zunehmend auf und schon bald ist es richtig schön. Der Weg verläuft ein gutes Stück parallel zur Straße. Als er aber ins Gelände abbiegt, über Stock und Stein auf und ab führt, da ist er voller Matsch und Schlick. Zeitweise ist er dabei so schmal und rutschig, dass die Rad-Pilger gut beraten sind, hier besser auf der Straße zu bleiben.

Ich durchwandere einen super schönen Abschnitt mit Schatten spendenden Buchen- und Fichtenwäldern. Das ist bestimmt in den heißen Sommermonaten besonders angenehm. Aber dann ist es hier sicher auch total überlaufen.

Da ich eigentlich den Tag nicht ohne Kaffee und Frühstück beginnen mag, es aber in der Herberge nichts gab, kehre ich nach zweieinhalb Kilometern im nächsten Ort – Burguete – in die erste Bar ein und gönne mir ein Frühstück.

der Wegverlauf hinter einem der kleinen Dörfer, morgens gegen 11 Uhr

Seit ich die Pyrenäen überschritten habe, befinde ich mich ja in der Region Navarra, die auch für ihre Weine bekannt ist. Und ich liebe besonders Rotwein. – Kräftigen dunklen Rotwein, wie er besonders in Spanien und Italien erzeugt wird.

Ich hatte ja aber bereits erwähnt, dass ich (leider) zwei Teilstücke mit dem Zug überspringen werde, um in der mir zur Verfügung stehenden Zeit bis nach Santiago de Compostela zu gelangen. Der erste dieser Abschnitte ist der von Pamplona nach Burgos, und damit auch das Weinanbaugebiet von Navarra. Diese Entscheidung ist mir bei der Planung der Reise schon sehr schwergefallen und ich bereue sie jetzt umso mehr.

Die nächste Rast mache ich in den Bergen oberhalb von Zubiri, einem kleinen Ort unten im Tal des Rio Arga. Da sitze ich auf etwa 600 m Höhe und Spanien – genauer Navarra liegt mir zu Füßen. Als ich etwas später durch Zubiri laufe, hole ich mir noch einen Café con leche und kaufe etwas Obst. Dann gehe ich weiter in Richtung Larrasoaña und komme an den Anlagen eines Magnesium-Werkes vorbei. Es wirkt wie ein Fremdkörper in diesem beschaulichen Tal.

hinter Zubiri dienen Rohre schon auch mal als Wegweiser nach Santiago

Den ganzen Tag wandere ich allein. Keine Begegnungen, keine small-talks, kein „Buen camino“ anderer Pilger. Das fehlt mir aber nicht. Ich denke über meinen Rhythmus, meine Tageseinteilung, die typische Länge meiner Tagesetappen und meine Verpflegung nach. Früh morgens direkt in die Stiefel und los, das empfinde ich als angenehm, aber mit vorherigem Frühstück wäre es schöner. Am Ende des Tages nicht zu spät in die Herberge zu kommen und gleich alles erledigen zu können: Klamotten waschen und duschen, um dann in Ruhe Tagebuch schreiben zu können. Und sich irgendwo in Gesellschaft ein Pilgermenü schmecken zu lassen. Den Tag über mit mir allein, am Abend in Gemeinschaft mit anderen Pilgernden.

In Larrasoaña gibt es buchstäblich nichts, alles ist geschlossen. Die kommunale Herberge dort ist aber ganz O.K. und wird von der Frau des Bürgermeisters geführt, die einen Auftritt hinlegt, als wäre sie die Bürgermeisterin. Aber vermutlich fühlt sie sich auch so. 🙂

Ich beziehe mein Bett in einem der einfachen 8-Bett-Schlafräume. Da ich früh dran bin, gehe ich gleich duschen, ziehe mich um und wasche (von Hand) meine verschwitzten Klamotten. Ich setze mich in den Hof und schreibe mein Tagebuch. Im Ort selbst ist absolut nichts los. Zwar soll es 800 Meter weiter eine Bar geben, aber das erscheint sooo weit. 😉

Die Frau Bürgermeisterin weist mit einer leicht stolzen Geste auf einen kleinen „Shop“ hin, der aus einem Stühlchen in der Ecke besteht, auf dem einige Dinge wie z.B. Spaghetti, Soße, Bohnen, Linsen, Thunfisch sowie Bier und Wein stehen. Das Pilgerleben ist ein einfaches Leben.

Als uns allen klar ist, dass es kein Restaurant mit Pilgermenü und auch keinen Laden (außer dem Stuhl in der Ecke) gibt, beginnt ein sequentielles Spaghetti-kochen das stundenlang anhält um alle zu versorgen. Wie eine große Familie sitzen wir schließlich alle, nacheinander essend, um zwei Tische im Hinterhof des Hauses. Alle anwesenden Nationen unterhalten sich in mindestens vier verschiedenen Sprachen kreuz und quer über den Tisch hinweg, während über den Köpfen die frisch von Hand gewaschene Pilgerkleidung trocknet.

gemeinsames Essen nach sequentiellem Spaghetti kochen

Es fließt viel Wein und es herrscht gute Laune in der großen Gruppe. Ich treffe hier Adriana wieder, und einen León, sowie einige der Radfahrer vom Vortag. Sie sind bisher offenbar auch nicht schneller unterwegs. Unter den Radfahrern ist auch ein Italiener und ich nutze die Gelegenheit, meine Italienisch-Kenntnisse zu testen und zu trainieren. Es klappt ganz gut. 😊

Ein norwegisches Pärchen, Karilisa und Severin, fallen mir sehr angenehm auf. Karilisa unterhält sich lange mit Adriana, die sehr britisch und recht christlich-religiös wirkt. Karilisa geht sehr gut auf sie ein. Adriana ist mit auffällig viel Gepäck unterwegs und hantiert damit etwas ungeschickt, woraus ich schließe, dass sie darin eher ungeübt ist. Umso mehr achte ich ihre Motivation und ihren Mut allein los zu ziehen.

Auch die junge Schweizerin vom Vorabend, Sybille, ist da und wir prosten uns nett zu. Ihre gestrige Begleiterin, die Russin Julia, ist offenbar weitergezogen. Sie wollte noch nach Trinidad de Arre, dort hat sie wohl eine Art Verabredung. Der Weg dorthin zieht sich allerdings weitere zwei Stunden, worauf Sybille keine Lust hatte. Und dann ist da noch die blonde Ivy aus den USA.

Nach und nach lichtet sich die Gruppe und die ersten gehen schlafen. Ivy und ich sitzen noch lange draußen und reden. Wir sind die letzten die zu Bett gehen und schleichen uns leise hinein.

Pilgerschuhe und Stöcke im Flur vor den Zimmern

Ich habe mein Tagespensum nun langsam gesteigert, erst 5, dann gestern 21 und heute 27 Kilometer. Das ist mit dem Rucksack schon ganz ordentlich. Ich habe noch immer keine Blasen an den Füßen, aber meine Beine sind rechtschaffen müde und ich spüre meine Muskeln und Gesäßbacken. Sie alle freuen sich auf die nächtliche Erholung. 🙂

Gute Nacht, oder besser ¡Buenas noches! 😉

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 27 km – (insgesamt 53 km gepilgert)

Tag 4 – Von Roncesvalles nach Larrasoaña

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