20.10.2007 (Samstag)

Ich stehe gegen 7:30 Uhr auf und hole als erstes unsere (Frank’s und meine) Wäsche aus dem Trockner, wo ich sie gestern Abend noch zum Trocknen rein hab. Nicht dass sie dort noch vergessen wird. 😉

Meinem Bettnachbarn geht’s derweil nicht so gut. Er übergibt sich, offenbar wegen des Thunfischs vom Vortag. Seine fürsorgliche Frau holt ihm Tee aus der Bar um die Ecke.

Ich gebe Frank seine Kleider und gehe dann direkt los. Von Triacastela aus zweigt der Weg am Ortsausgang nach rechts ab und gewinnt von da an wieder an Höhe. Ich pilgere zunächst ohne Pause bergauf durch liebliche Landschaft auf dem Camino de San Xil, auf das Dorf gleichen Namens (San Xil) auf der Hochebene zu. Noch ist es angemehm kühl.

Nachdem ich zuerst das Dorf A Balsa passiert habe, komme ich wenig später an dem idyllisch zwischen den beiden Dörfern liegenden Pilgerbrunnen bzw. der Quelle Fonte dos Lameirós vorbei. Die im Stil der Jakobsmuschel gestaltete Quelleinfassung spiegelt sich im Brunnenteich, in dem das erste Herbstlaub treibt. Bis hierhin liegen schon wieder 200 erklommene Höhenmeter und zwei Wegstunden hinter mir. Es ist etwa 9:30 Uhr.

Durch kleine galicische Dörfer führt der Weg weiter. Es sind uralte Wege, tief eingegraben in die Landschaft, beiderseits durch Mäuerchen gesäumt, die sogenannten „Corredoires“ .

Bis kurz vor Sarria genieße ich die Ruhe und Idylle der grünen galicischen Hochebene und treffe nur selten auf andere Pilgernde. Dann aber erfordert es der inzwischen recht groß gewordene Hunger, dass ein warmes Bocadillo mit Schinken und Käse in meinen Magen wandert. – Und das tut soooo gut! 🙂

Landschaft in der Nähe von Sarria

In der Altstadt von Sarria kaufe ich um die Mittagszeit am Tiermarkt in den Markthallen Brot, Postkarten und Obst. Hier finden sich Schweinsköpfe in direkter Nachbarschaft mit Kleidern und Schuhen. Dieser Ort – der Tiermarkt – ist nichts für Vegetarier.

1. Abschnitt: von Triacastela über die galicische Hochebene Richtung Sarria

Ich verlasse die Kleinstadt Sarria und wandere weiter, auf und ab durch Hohlwege und vorbei an Gehöften, durch Dörfer und Weiler, begleitet von Kuhfladen, Eicheln und Maroni. Und wuchtigen Eichenbäumen.

Bildquellen:
[1] via Wikipedia von Ordenalfabetix – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link
[2] via Wikipedia von Miguel Pereiro – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Die Beschaffenheit des Weges, unregelmäßige und teils lose Steine, strengt die Füße an und erfordert Wachsamkeit um nicht umzuknicken. Und das Wasser, das ich mir aus dem Brunnen in Sarria abgefüllt habe, schmeckt leider überhaupt nicht. Ich brauche aber dringend welches. Nach einer gefühlten (durstigen) Ewigkeit kommt endlich die schön angelegte Herberge Casa Barbadelo (Webseite) in Sicht, wo ich frisches Wasser fasse und im Schatten eine Pause mit Fußlüftung einlege. 🙂

Hier in Barbadelo scheint am Wochenende eine Art Musikfest zu steigen, das wird bestimmt lebhaft und laut. Der Parkplatz ist bereits voll belegt. Obwohl die Herberge mit ihrem Pool einladend wirkt, kehre ich dem zu erwartenden Trubel den Rücken und setze meinen Weg fort.

Ab Sarria sind mehr Menschen auf dem Camino unterwegs. Denn ab hier sind es noch knapp über 100 km nach Santiago de Compostela und das ist die Entfernung, die man mit Stempeln diverser Einrichtungen (Herbergen, Bars, Restaurants, Kirchen, Klöster etc.) nachweisen muss, um als „Fußpilger“ anerkannt zu werden und am Ende seine Compostela (Urkunde) zu erhalten.

Die meisten dieser „letzten 100 km Pilger“ sind allerdings Teilnehmer organisierter Pilgerreisen. Sie werden mit Bussen an den Beginn der Tagesetappen gefahren, tragen nur ihr Tagesgepäck mit sich herum, übernachten meist in Hotels und sind somit keine Konkurrenz um die Herbergs-Betten.

auf den „Corredoires“ (hier sogar mit „Mittelstreifen“) durch die Idylle der galicischen Hochebene

Von Dorf zu Dorf geht es durch die landschaftlich äußerst reizvolle galicische Hochebene. Dennoch zieht es sich etwas hin, bis ich endlich Ferreiros erreiche. Die Herberge dort – die Albergue de Peregrinos de Ferreiros – ist von der eher kleinen Sorte (nur 22 Plätze).

Bei meiner Ankunft gegen 17:15 Uhr bekomme ich grade noch eines der letzten Betten. Zwei später ankommende Damen haben weniger Glück.

2. Abschnitt: über Sarria durch die galicische Hochebene nach Ferreiros

Nach dem Duschen ist ein Pflasterwechsel an meiner Fingerwunde fällig. Die Wunde sieht nicht so schön aus, hätte vielleicht besser genäht werden sollen.

Ich nehme einen Kaffee in einer Bar zu mir und vespere ein wenig, da ich tagsüber kaum etwas gegessen habe. Ein Hubert aus Mönchengladbach und ein Christoph aus Freiburg sind auch da. Wir trinken Wein zusammen und gehen später auch drinnen gemeinsam zum Essen, nachdem es draussen nach Sonnenuntergang kalt wird.

Zum Abendessen gibt es Forelle und Kotelett, sowie Pimientos de Pedrón (Bratpaprika) von denen einige recht scharf sind. Die Pimientos werden oft begleitend zu Gerichten oder auch als Garnitur serviert. ==> Hier ein Vorschlag wie sie richtig zubereitet werden. 🙂

Ich lerne an diesem Abend auch noch zwei junge Männer aus der Schweiz kennen, Thomas und Adrian aus Bern. Sie sind schon seit dem 15. August unterwegs, sind in Genf gestartet und haben inzwischen etwa 1500 km hinter sich (!). Es sind sehr sympathische nette Jungs Mitte zwanzig und wir kommen schnell miteinander ins Gespräch.

Beide hatten eine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen, die ihnen aber nicht das Richtige zu sein schien. Also haben sie die Ausbildung abgebrochen, gekündigt und sind zur Sinnsuche auf den Jakobsweg gegangen, um sich darüber klar zu werden, was sie (statt dessen) wollen könnten. – Mutig und konsequent, wie ich finde! – Aber der Lösung sind sie bisher noch nicht nahe gekommen.

Wir hätten wahrscheinlich die ganze Nacht durch geredet, aber gegen 22 Uhr schmeißt uns der Jefe (Chef) aus dem Lokal und wir suchen unsere Betten auf.

Die Herberge ist voll belegt. Das Hinweis-Schild am Weg ist verschwunden, was uns etwas verwirrt. Aber wahrscheinlich ist das Absicht, damit kein weiterer Pilger mehr anklopft und (vergeblich) Einlass begehrt.

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 31 km – (insgesamt 415 km gepilgert)

Tag 19 – Von Triacastela über Sarria nach Ferreiros

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