21.10.2007 (Sonntag)

Spät am vorigen Abend kam noch die Koreanerin Jeannie in der voll belegten Herberge an. Sie wurde dann als Dritte zu zwei anderen Pilgerinnen in deren zwei Betten einquartiert. Wo Platz für zwei ist reicht es auch für drei, mag sich der Jefe (Chef / Hospitalero) gedacht haben. 🙂

Auch ein Mann kam noch spät an, der hat sich dann mit meiner Notfall-Schlafunterlage in der Küche auf den Boden gelegt. Eine Iso-Matte wäre sicher komfortabler gewesen, aber so muss es zur Not eben auch mal gehen. Auf die Drei-im-Zweierbett-Lösung wollte er sich wohl nicht einlassen. 😉

Noch vor 8 Uhr gehe ich los, als es grade hell zu werden beginnt. Es gibt mal wieder kein Frühstück, weder in der Herberge noch in einer Bar. Es ist Sonntag und alles hat (noch) zu. Ich trete hinaus in den nebligen Morgen. Auf die nächste (erste) geöffnete Bar werde ich erst nach einer Stunde und gut fünf Kilometern treffen. Aber das weiß ich noch nicht. 😉

Heute ist es nicht so kalt am Morgen. Schon bald bin ich warm gelaufen. Die Sonne kämpft sich durch den Nebel und trägt ihrerseits zum wohligen Wärmeempfinden bei. Mir fallen entlang des Weges immer mal wieder seltsame Bauwerke auf, die meist mit geernteten Maiskolben gefüllt sind und – vermutlich zum Schutz vor Nagern – auf Stelzen hoch über dem Boden stehen. Es handelt sich um sogenannte Hórreos (Speicherkästen), wie sie – in etwas anderer Bauweise – auch in den Alpengebieten vorkommen.

Später in einer Bar namens Árnica in Moutrás nehme ich ein richtiges Tostado und zwei Kaffee zusammen mit den Schweizer Jungs ein, die zwar später aufgebrochen sind, mich aber mit ihren langen und jungen Beinen bereits eingeholt haben. 🙂
Aus den Lautsprechern klingt klassische Musik zum Sonntag.

In Portomarín (der Ort liegt vollständig im Nebel) fehlt der Stausee! – Hier sollte eigentlich durch den aufgestauten Río Miño ein See, zumindest aber ein breiterer Fluss zu sehen sein! 😮
Entweder wurde er abgelassen oder es liegt an zu wenig Regen. 🙁

Die Ruinen der alten Stadt und Teile von Brückenpfeilern sind wieder sichtbar, ebenso die beiden früheren Uferstraßen. Die Szenerie wirkt durch den Nebel geheimnisvoll. Irgendwie „englisch“ … Und im Nebel ist es auch gleich ein ganzes Stück kühler.

In der Bar der Privatherberge Albergue Pasiño A Pasiño unweit der Brücke über den Río Miño trinke ich vor dem Verlassen von Portomarín einen Kaffee und werfe am öffentlichen PC einen Blick ins Internet (Emails von zuhause checken). 15 Minuten für 50 Cent.

Als ich mich wieder zum Aufbruch fertig mache, zeigt die PC-Uhr 11:30 Uhr an. Nun kommt auch die Sonne wieder heraus und ich lasse den Nebel für heute hinter mir.

Ein gutes Stück hinter Portomarín komme ich an einer Ziegelfabrik (Fábrica de Ladrillos Puertomarín S.L.) vorbei, an der heute am Sonntag sogar gearbeitet wird. Ich gehe auf der Hauptstraße, auf der zum Glück heute wenig Verkehr ist. Mit den beiden Schweizern zusammen mache ich kurz darauf Mittagsrast, sonst aber treffe ich den ganzen Tag keine anderen Pilger (bin ich etwa der Letzte??). 🙂

Mein Weg verläuft über herrliche Wege, durch schattige Wäldchen in halbhoher Lage. Immer wieder säumen Gehöfte (und viele Kuhfladen) den Weg. Laub- und Nadelwälder wechseln sich mit Ackerflächen ab. In den Wäldchen bemerke ich heute häufig menschliche Hinterlassenschaften, die Notdurft-Häufchen anderer Pilger, meist garniert mit Papier-Taschentüchern und nicht selten liegt daneben eine leere Plastik-Wasserflasche.

Frage des Tages:
Waldscheißer und ihre in der Natur zurück gelassenen Wasserflaschen. – Warum? – Muss das sein? – Nehmt gefälligst euren Müll mit!

Als ich gegen 16 Uhr den Ortseingang von Ligonde erreiche, überfällt mich kurz ein plötzlicher Schwindel. – Ich muss unbedingt mehr trinken und essen! – Da kommt mir der mächtige, altehrwürdige Baum am Ortseingang, in dessen Schatten bereits ein alter Mann sitzt und auf ein ebenfalls altes, steinernes Cruceiro (Kreuz) blickt, gerade recht.

alter Baum, alter Mann, altes Kreuz
(El Cruceiro de Lameiros)

Nachdem ich mich wieder etwas gesammelt und im Schatten beim El Cruceiro de Lameiros verweilt habe, das hier immerhin schon seit 1670 steht, steuere ich die kommunale Herberge Albergue de Peregrinos Escuela de Ligonde in A Eirexe de Ligonde an.

Im Garten der Herberge verzehre ich meine restlichen Maroni, verbringe einige Zeit mit Schreiben und Lesen und genieße das Alleinsein bei einem Kaffee, bis die Sonne versinkt. – Ist das schön!

Das Abendessen nehme ich gemeinsam mit den Schweizer Jungs ein. Wir führen Gespräche über das Leben, die Zukunft, über Kinder und alles mögliche andere. Es sind wirklich nette und wache Kerle, die noch nicht so recht wissen, wie es für sie weiter gehen soll. Sie sind ja aber auch noch sehr jung, erst 24 und 25 Jahre alt. – Wer weiß da schon wo’s lang gehen soll? 😉

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 27 km – (insgesamt 442 km gepilgert)

Tag 20 – Von Ferreiros über Portomarín nach A Eirexe de Ligonde

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