22.10.2007 (Montag)

Da es in der Herberge (wie meistens) kein Frühstück gibt, frühstücke ich nach dem 7- Uhr-Wecken mit den beiden Schweizer Jungs in der Bar, die gegenüber der Herberge liegt. Nur das kanadische Pärchen (Janet und Jeff), das ich am Abend des ersten Pilgertages getroffen habe ist auch noch da, alle anderen sind schon weg. – Echte Frühaufsteher!

Wir bevorzugen dagegen den etwas gemütlicheren und gediegeneren Start in in den Pilgertag. Und deshalb zieht sich unser Frühstück etwas hin. Erst gegen 9 Uhr gehen wir endlich zusammen los und verlassen A Eirexe de Ligonde.

Unterwegs machen wir gemeinsam Mittagspause in der Nähe von Palas de Rei. Da die beiden Schweizer ja vor kurzem erst ihre Ausbildung zum Bankkaufmann abgebrochen haben, reden wir dabei viel über die aktuelle Finanzpolitik. Es ist die Zeit der heraufziehenden Immobilien- und Finanzkrise von 2007, die ein Jahr später, im September 2008, mit der Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers weltweit die Finanzmärkte erschüttern sollte. Zu diesem Zeitpunk ist das aber noch Zukunft.

Palas de Rei bedeutet „Königspalast“ , von dem ist aber nichts zu sehen. Immerhin sieht das Kirchlein San Tirso ganz nett aus. Ein Kilometerstein mit Jakobsmuschel und gelbem Richtungspfeil signalisiert: Es sind (nur) noch 65 Kilometer nach Santiago de Compostela. – Huch! Das wirkt jetzt plötzlich irgendwie „nah“ …

Bildquellen:
[1] Von Jan Seewald at de.wikipedia – Eigenes Werk, Gemeinfrei, Link
[2] von P.Lameiro – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

Nach dem Mittagsmahl ziehe ich alleine los. Ich beabsichtige die beiden Jungs später wieder zu treffen, da sie ja ohnehin schneller unterwegs sind als ich. Aber irgendwie ereignet sich dieses Zusammentreffen nicht … entweder sind sie unbemerkt an mir vorbei gelaufen, als ich irgendwo pausierte (unwahrscheinlich), oder sie sind noch immer irgendwo hinter mir und trödeln (sehr wahrscheinlich). 😉

Bis Melide setze ich meinen Weg daher allein fort. Das Wetter verschlechtert sich, der Himmel zieht sich allmählich zu. Bisher war es heute nicht so heiß, aber trotzdem überwiegend sonnig. Im Reiseführer steht, dass die Pilger in Galicien fast immer mal Regen abbekommen. Doch ich habe Glück und komme ohne einen Tropfen Regen durch den Tag.

Galicische Dörfer wie San Xiao säumen in kurzen Abständen meinen Weg, und ich überschreite alte steinerne Pilgerbrücken, wie die Ponte Campaña oder die Pilgerbrücke bei Furelos, über die schon unzählige Pilgerfüße in Jahrhunderten vor mir gewandert sein mögen. – Kleine Besonderheit am Rande: In der Kirche San Xoan de Furelos hängt der Jesus nur mit einer Hand am Kreuz … die andere (rechte) streckt er nach unten, um zu verdeutlichen, dass er trotz eigener Qualen an andere denkt.

Bildquelle:
[3] von Alberto Andrés – Eigenes Werk, Link

Melide wirft seine Stadt-Schatten voraus und mir entgegen, während ich mich allmählich dem Ort nähere. Der Weg verläuft jetzt entlang von Hauptstraßen, an Gewerbegebieten vorbei und durch Wohnviertel von Wohlhabenden. Die Ruhe des Hinterlandes schwindet und der Trubel der Stadt nimmt zu.

Von hier aus sind es noch 52 Kilometer nach Santiago de Compostela, der Hauptstadt Galiciens und dem Ziel des Jakobsweges, des Camino Santiago. – Die Distanz schwindet, das Ziel rückt näher.

Melide ist bekannt für seine kulinarische Tradition in der Zubereitung von Oktopussen, weshalb ich ein in dieser Hinsicht bekanntes Lokal in der Stadt besuchen möchte. Da die legendäre Pulperia Ezequiel (Spezialitäten-Restaurant) bei meiner Ankunft gegen 16:30 Uhr aber noch geschlossen war, nehme ich zunächst einen kleinen Imbiss in einer Bar zu mir und warte dabei auf die beiden Schweizer Jungs.

Als die nicht kommen, mache ich mich auf den Weg zur städtischen Herberge. Zur Öffnungszeit ist jedoch keiner da und alle Räume sind zu. – Offenbar bin ich zu pünktlich bzw. zu früh …. 😉

Da hier (noch) nichts geht, begebe ich mich zurück zur Bar, wo ich auch (mal wieder) meinen Pilgerstab vergessen habe. 🙂

Später, nach dem erfolgreichen Check-in in der Herberge, beschließe ich allein Pulpo (Oktopus/Tintenfisch) essen zu gehen. Und wer sitzt da im Lokal? – Die beiden Schweizer Jungs, Thomas und Adrian, in Begleitung von Brian (Irland) und Francine (Kanada)! – Sie sind nach ihrer Ankunft nicht (wie sonst immer) zuerst in die Herberge, um sich ein Bett zu sichern, sondern erst einmal ein Bier trinken, und jetzt zum Essen gegangen.

Ich setze mich zu den Vieren an den Tisch und esse im Verlauf des Abends sogar eine doppelte Portion (!) Pulpo, oder galicisch Polbo a feira – Zubereitung nach „Jahrmarkt-Art“ (feira). – Und da ich kein Biertrinker bin, sondern mehr auf Wein stehe, bestelle ich mir einen Rotwein. Der wird mir hier aber nicht wie sonst üblich in einem Tonkrug serviert, sondern in Tonschälchen. – Sehr interessant!

Nach diesem üppigen Pulpo-Mahl nehme ich die beiden Schweizer mit in die Herberge. Es ist jetzt schon nach 22 Uhr und die Hospitalera ist überrascht, um diese Zeit noch zwei Betten abgeben zu können. Ich nutze noch rasch den Internet-PC der ansonsten nicht sonderlich gemütlichen Herberge, um schnell noch ein paar Emails zu schreiben und den Wetterbericht abzufragen.

Laut Wetterbericht im Schokoladen-Bio-Cyber-Café soll es morgen bedeckt aber ohne Regen weiter gehen. Na dann … 😉

Gedanken des Tages
Eigenartig und Seltsam: Man will einerseits endlich ankommen und andrerseits das Ankommen, das Ende der Pilgerschaft möglichst lange hinauszögern, um die Weite der Landschaften, die Ruhe und Einsamkeit, aber auch die Gemeinschaft mit den anderen Pilgern noch länger genießen zu können. Den Strom erhalten in dem man gerade mitschwimmt.

Wie geht es damit wohl den Schweizern nach so langer Wanderschaft? – über zwei Monate! – Und wie mag es sich erst für die Menschen im Mittelalter angefühlt haben, die ja auch den ganzen Weg wieder zurück laufen mussten!? – Mit all den Erschwernissen und Gefahren der damaligen Zeit, ganz ohne moderne Bequemlichkeiten:
Kein Bus, keine Bahn, kein Flugzeug für die Rückfahrt. Nur Schusters Rappen.

Heute habe ich viel rückblickend über den hinter mir liegenden Weg nachgedacht. Über Orte, Menschen, Begegnungen. Darüber, welcher Ort mir wohl am Besten gefallen hat. Und da kommt mir O’Cebreiro als erstes in den Sinn. Jener Gipfel mit dem Blick in die beiden „Reiche“ Galicien und Kastilien/Leon.

Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)

Heute gepilgerte Strecke: 23 km – (insgesamt 465 km gepilgert)

Tag 21 – Von A Eirexe de Ligonde nach Melide

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert