24.10.2007 (Mittwoch)
Die letzte Etappe von etwa 22 km liegt vor mir.
Genauer gesagt: Vor uns, denn Thomas und Adrian, die beiden Schweizer Jungs, gehen mit mir gemeinsam.
Wir lassen es gemütlich angehen und machen oft Pausen, wobei wir Brian (aus Irland) und Francine (aus Kanada) immer wieder treffen. Bei einer der Pausen lässt Brian schließlich seine lange Hose liegen, die er ausgezogen hatte, da das Wetter wider Erwarten trocken blieb. 🙂
Es hatte in der Frühe leicht genieselt und es sieht zunächst weiter nach Regen aus, aber es bleibt trocken.
Auf dem Weg nach Santiago de Compostela liegt der Flughafen Aeroporto de Santiago – Rosalía de Castro (Internationales Kürzel: SCQ) praktisch quer im historischen Verlauf des Weges und muss von heutigen Pilgern umwandert werden. Landschaftlich ist das kein besonderer Genuß, denn man wandert entlang verkehrsreicher Hauptstraßen und in Sichtweite der Zäune, die den Flughafen gegen die Außenwelt abschirmen. Und natürlich donnert immer wieder ein Flugzeug durch’s Bild.
Ist das geschafft, markiert der kleine Vorort San Paio (auch Sampaio) die Stelle, an der das Gebiet der Kommune Santiago de Compostela beginnt. Ein Wegstein mit dem Namen der Stadt und einem mit den Utensilien des Pilgers geschmückten Pilgerstab schaut uns entgegen.
Nächster wichtiger Punkt ist der Ort A Lavacolla (auch Labacolla), was übersetzt „wasch den Hals“ bedeutet. Der Name erinnert an die Sitte, sich nach der monatelangen Pilgerreise unter mangelhaften hygienischen Bedingungen, hier am Bach zu waschen, um möglichst reinlich in Santiago de Compostela anzukommen. Wir lassen die Wäsche am Bach aus, wir sind ja fast noch frisch geduscht. 😉
Ein kleines Stück weiter erreichen wir den Ort Villamaior, wo die beiden Schweizer zur Pause mit Bier (Cerveza) drängen. Tatsächlich scheinen es die beiden immer weniger eilig zu haben, je näher das Ziel rückt. „Plötzlich will man nicht mehr ankommen, denn was dann? – Die Pilgerreise ist dann ja zu Ende. Und was heißt das jetzt für uns? Was machen wir jetzt?“ – So in etwa beschreiben sie ihre Stimmungslage während unserer Bier-Pause, zu der auch noch andere durstige Pilger stoßen. 🙂
Die Mittagsrast genieße ich später aber allein, das muss jetzt kurz vor dem Ziel auch mal sein: So ein Moment der inneren Einkehr und der Rückschau. – Ich bin da. – Angekommen am spirituellen Ziel der Pilgerschaft. – Was hat es mit mir gemacht? – So mancher Gedanke und so manches Bild zieht da vor meinem inneren Auge vorbei und so manche Begegnung der letzten dreieinhalb Wochen taucht nochmal auf.
Als wir später wieder gemeinsam den letzten Anstieg zum legendären Aussichtspunkt Monte do Gozo (Berg der Freude) bezwingen, scheint bereits wieder warm die Nachmittags-Sonne. Von hier oben erblickt die Gemeinschaft der Pilger erstmals direkt das Ziel:
Santiago de Compostela liegt uns in einiger Entfernung im Dunst zu Füßen und die Türme der Kathedrale ragen heraus.
In früheren Zeiten mögen die Menschen die Türme klar erkannt haben und daher war ihre Freude auf diesem Berg sicher riesig. Heutzutage ist es etwas schwerer sie zu finden, da es inzwischen weitere hohe Gebäude gibt und der Dunst (Smog?) die Sicht stark eintrübt.
Das große Monument auf dem Monte do Gozo wurde 1989 anläßlich des Papstbesuches von Johannes Paul II errichtet, ebenso die weiter unten auf dem Weg in die Stadt liegenden Massenquartiere, die wohl bis zu 3000 Menschen Platz bieten können. Heute ist dort noch eine Herberge mit rund 800 Plätzen (!) eingerichtet.
Voll belegt sind die Betten aber wohl nur in sogenannten „heiligen Jahren“ . Das sind Jahre, in denen der 25. Juli, der Namenstag des heiligen Jakobus, auf einen Sonntag fällt, z.B. also im Jahr 2027. – Die heiligen Jahre des Jakobsweges sind also nicht identisch mit den „heiligen Jahren“ oder Jubeljahren des Kalenders der römisch-katholischen Kirche.
In solchen Jahren wird der Jakobsweg aber auch heute noch (oder wieder) massenhaft von Pilgern begangen – vor allem auf den letzten 100 Kilometern, die man nachweisen muss, um die Compostela zu erhalten.
An der Abzweigung zum Busbahnhof trennen wir uns vorläufig und verabschieden uns provisorisch. Wir verabreden uns für 19 Uhr auf der Plaza vor der Kathedrale. Ich gehe zum Busbahnhof und erkundige mich nach den Verbindungen nach Fisterra für den nächsten Tag.
Fisterra (galicisch) oder auch Finisterre (spanisch), das ist der Ort und ein Kap mit Leuchtturm, welches das Ende der (damals bekannten) Welt markiert. Von da nach Westen gibt es nur den Ozean, in dem Abends die Sonne versinkt und irgendwo weit draußen den gefährlichen Rand der Erdscheibe.
Dorthin (nach Fisterra, nicht an den Rand der Erdscheibe!) könnte ich natürlich auch weiterpilgern (91 Kilometer, etwa 3 Tage), aber die Zeit dafür habe ich nicht eingeplant. Ich habe nur einen Tag Pause, ehe ich wieder in den Bus zurück nach Deutschland steigen werde. Ich habe daher vor, den Pausentag dazu zu verwenden, mit dem Bus den Rest bis ans „Ende der Welt“ zu fahren. Deshalb also jetzt der Abstecher zum Busbahnhof. 🙂
Als das erledigt ist und ich die benötigten Reiseinformationen habe, setze ich meinen Weg zur Kathedrale fort. Ganz langsam nähere ich mich der Porta do Camino, dem Tor in die Altstadt, das zwar nicht wirklich ein Tor ist, aber eben den Eintritt in die historische Altstadt markiert.
Besonders nachdem ich diesen Punkt passiert habe, gehe ich betont langsam und mich umschauend durch die Gassen der Altstadt. Alle Eindrücke in mich aufsaugend und um die Gemeinschaft mit zigtausenden anderen Pilgern, die vor mir in all den Jahrhunderten hier angekommen sind, wissend.
Schließlich trete ich gegen 15 Uhr über die „Praza da Immaculada“ kommend von der Nordseite in die Kathedrale ein. Ich bin zwar einerseits ergriffen von dem mächtigen Bau, fühle mich aber andererseits irgendwie nicht recht wohl hier drin. Ich kann aber nicht sagen warum.
Ich schreite das Innere der Kathedrale ab, bete kurz in einer der hinteren Reihen und begebe mich dann schnell wieder nach draußen vor das Hauptportal in der Westfassade und auf die „Praza do Obradoiro“. – Etwas in mir hat sich die Ankunft irgendwie anders vorgestellt und ist jetzt unzufrieden. Seltsam, aber nicht zu ändern.
Die Sonne kommt wieder hervor und lässt die gesamte imposante (barocke) Westfassade mit dem Hauptportal in abendlichem Orange leuchten. Es ist schon ein beeindruckendes Schnörkelwerk an Steinmetzkunst, wenn es auch schwer angenagt ist von den vielen Zähnen im Gebiss der Zeiten, die seit dem 11. Jahrhundert fortwährend an ihm nagen.
Ich verweile mit diesem Anblick über die „Praza do Obradoiro“ („Platz der Werkstatt“ , hier waren jahrhundertelang die Steinmetze tätig) ehe ich mich ins Pilgerbüro begebe, um nach Vorlage meines Pilgerausweises (Credential) meine Urkunde, die Compostela, abzuholen.
Nach diesem kleinen kirchlichen Verwaltungsakt inklusive Motivbefragung (warum man den Weg gemacht hat, religös motiviert oder vielleicht sportlich?) begebe ich mich noch ins Museum und in die Krypta, dem eigentlichen Ziel der Pilgerschaft. Hier sollen, in einem silbernen Reliquien-Schrein, die Gebeine des Apostels Jakobus liegen.
Für Interessierte lohnt es sich durchaus, den Artikel über die Kathedrale von Santiago de Compostela zu lesen, da ist viel über ihre Geschichte, die Architektur und anderes Wissenswertes beschrieben. – Und Bilder gibt’s auch dazu. 🙂
Inzwischen ist es fast 18:30 Uhr geworden und ich beschließe zur Herberge zu gehen, um meinen Rucksack los zu werden und mir ein Bett zu sichern. Vor der Herberge treffe ich die Schweizer Buben wieder. Ich checke rasch ein, dann gehen wir zusammen los in die Stadt um andere zu treffen und um essen zu gehen.
Wir treffen Anne und Sabine, die ins Restaurante Casa Manolo gehen, dort warten dann aber schon rund 20 Leute. Vor der Kathedrale treffen wir Patrick aus Luxemburg, der gerade aus dem Hotel Parador kommt, wo man angeblich umsonst etwas zu essen bekommen kann. Aber auch hier stehen schon 10 andere Pilger vor der Tür. Da es uns zu viele sind und wir da länger warten müssten, gehen wir woanders hin um zu essen. Irgendwohin, wo man nicht erst lange anstehen muss.
Wir speisen dann auch wirklich gut, wenn auch teurer als es ein Pilgermenü gewesen wäre. Gambas al Ajillo stehen auf meinem Speisezettel, dazu Salat und Wein für zusammen 12 Euro. Das habe ich mir verdient. 🙂
Später läuft im Fernseher des Restaurants das UEFA-Cup Champions League Fußballspiel zwischen Real Madrid und Olympiakos Piräeus, das mit 4:2 endet. – Da freuen (und feiern) sich die Spanier sicher und die Griechen grämen sich. – Und mich interessiert es mal wieder überhaupt nicht. 🙂
In einer Bar trinken wir erst noch einen Kaffee und gehen dann zu Bier und Wein über. Die beiden Schweizer sind wirklich sehr nette Jungs und sie scheinen mich auch zu mögen. Für sie habe ich etwas „väterliches“ , bin aber nicht wie ihre Väter.
Morgen werden sich unsere Wege jedoch endgültig trennen. Ich fahre dann mit dem Bus zum Cabo de Finisterre, die beiden Jungs werden sich zu Fuß dorthin auf den Weg machen. Rund drei Tage werden sie für die etwa 90 km brauchen. Ich würde sie sehr gerne begleiten.
Auf dem „Heimweg“ von der Bar zur Herberge scheint der Vollmond vom Himmel und kurz vor Mitternacht trudeln wir leicht beschwingt in der Herberge ein.
Verlauf der heute gepilgerten Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)
Heute gepilgerte Strecke: 22 km – (insgesamt 522 km gepilgert) … +/- 3-5 km in der Stadt
