25.10.2007 (Donnerstag)
Es ist schon hell als wir aufstehen. Es muss also schon etwa 8:30 Uhr sein.
Wir, das sind die beiden Schweizer Adrian und Thomas und ich. Wir machen uns fertig und gehen dann im ersten Café an der nächsten großen Kreuzung frühstücken.
Der Jefe (Chef) dort ist (Achtung: Ironie!) die Freundlichkeit in Person. Wir kriegen zwar alles, aber wie:
Butter in einer alten Blechdose, leicht angeranzt. Alles was er bringt, knallt er mürrisch und wortlos auf den Tisch. Ob er Ärger mit der Frau hat? Oder dem Finanzamt? Oder beiden?
Zu guter Letzt muss ich mich dann aber doch beeilen, um den Bus um 10 Uhr nach Fisterra zu erreichen. Es wird ein kurzer und schneller Abschied und ich übernehme zum Abschluss die gesamte Frühstücks-Rechnung von uns dreien. Dann muss ich auch schon los.
Der Busbahnhof liegt hinter dem Hauptbahnhof auf der anderen Seite der Gleise und ist ein recht moderner doppelstöckiger Bau. Oben die Ticketschalter der diversen Bus-Gesellschaften, sowie der Übergang zum Bahnhof und zu den Zügen. Unten die Haltebuchten für die Überland-Busse.
Bildquellen:
[1] & [2] von der Webseite von Baunetzwissen.de
Der Ticketschalter am Busbahnhof ist verwaist, es ist fünf Minuten vor 10 Uhr. Ich bin etwas beunruhigt. Um fünf nach 10 Uhr kommt schließlich jemand und ich kaufe mein Ticket für Hin- und Rückfahrt mit dem Bus 812. Das kostet 21,60 Euro.
Die aufgedruckten Infos auf dem Ticket sind absoluter Müll, nichts davon trifft auf meine Fahrt zu. Der Mann am Ticketschalter sagt noch sowas wie „der fährt gleich!“ – Ich also runter zu den Bus-Haltebuchten in der überdachten Busbahnhofshalle. – Kein Bus 812. Andere Pilger warten auch auf ihn, auch eine Italienerin aus Aosta in Norditalien, mit der ich kurz ins Gespräch komme.
Um 10:16 Uhr kommt der Bus, also keine Panik!
„Sind wir Spanier nicht gut? – Weniger als eine halbe Stunde Verspätung!“
Man muss das positiv sehen. 😉
Die Fahrt dauert 2,5 Stunden, davon führen 1,5 Stunden am Meer entlang. In Fisterra angekommen, kaufe ich um etwa 12:50 Uhr schnell etwas zu Essen ein, ehe der Laden in die Siesta eintritt. Auf dem Weg zum Kap treffe ich den deutschen Vater aus Kiel mit seinen beiden Töchtern, die ich am Ende vom Tag 18 in Triacastela getroffen hatte. Sie kamen bereits mit dem 9 Uhr Bus hier an.
Am Kap mit seinem Leuchtturm angekommen, setze mich dann auf einen einsamen Felsen und schaue lange Zeit nachdenklich und die Ruhe genießend aufs Meer hinaus. – Diese Lage! Diese Stimmung! Sagenhaft. 🙂
Unweit des Leuchtturms ragt ein Antennenmast in den Himmel. An ihm haben Pilger zahlreiche textile Dinge befestigt, die hier munter im Dauerwind flattern – bis sie wohl irgendwann zerfetzt sind und davon getragen werden.
Obwohl die offizielle Pilgerreise in Santiago de Compostela endet, kamen bereits im Mittelalter Pilger hierher, ans „Ende der (damals bekannten) Welt“ – nach „Finis Terrae“ , um hier ihre alten Kleider zu verbrennen und mit frischen Kleidern symbolisch den Aufbruch in ein neues Leben zu besiegeln.
Ich verbrenne meine Kleider nicht, vielleicht breche ich aber dennoch in ein neues Leben auf. 🙂
Zunächst breche ich aber auf, um mir ein Café zu suchen. Denn ein neues Leben ohne Kaffee will ich mir gar nicht vorstellen. 🙂
Als ich dem Leuchtturm den Rücken kehre, mache ich schnell noch ein Foto von meinem Rucksack am Kilometerstein „0,000“. Später sitze ich in einem Café, schreibe letzte Postkarten und lasse meine Gedanken über diese Reise zu meinen Reisenotizen fließen (diese folgen im nächsten und letzten Beitrag). – Und dann gehe ich auch schon wieder in den Ort Fisterra zurück.
Bildquelle: [3] von Adrián Estévez (gl:User:Estevoaei) – Autoría propia, CC BY-SA 4.0, Link
Die letzten 15 Minuten nutze ich für einen kurzen Gang ins Meer. Ich kann ja wohl schlecht ans Meer reisen, ohne wenigstens einmal im Wasser gewesen zu sein! – Nach diesem kurzen und spontanen Ritual geht’s aber sofort zurück zur Bushaltestelle. 😉
Es ist der erste Bus der pünktlich fährt, genau um 16:45 Uhr. Die 2,5 stündige Rückfahrt im abendlichen Sonnenlicht taucht alles in besondere Farben. Die auflaufende Flut bringt das Wasser an die am Vormittag noch trockenen Stellen zurück.
Mein Handy empfängt eine SMS: Olaf lässt mich wissen, dass er und Julia es heute nicht mehr bis nach Santiago de Compostela schaffen werden. Das dachte ich mir schon. 😉
Um 19:50 Uhr komme ich wieder in der Herberge an. Ich dusche und rasiere mich, dann packe ich meinen Rucksack für die Heimreise um. Als ich mit allem fertig bin, mache ich mich ein letztes Mal auf den Weg in die Stadt. Ich will noch einmal zur Kathedrale.
Die Nachtbeleuchtung ist sehr stimmungsvoll. Auf dem Platz hinter der Kathedrale, der „Praza da Quintana de Mortos“, musiziert ein Pärchen mit Gitarre und Mundharmonika. Ich setze mich auf die Außenbestuhlung einer Bar, wo ich bei einem Glas starkem Rotwein der Musik lausche und nebenher mein Reisetagebuch schreibe.
Die Akustik ist toll hier und immer wieder kommen die Glocken zum Einsatz. Der fast volle Vollmond (am folgenden Morgen) erhebt sich hinter den Türmen der Kathedrale und ein angenehm kühlender Wind weht heran, während die Wolken schnell über den Nachthimmel ziehen. – Toll!
Später esse ich einen Döner bei einem kurdischen Imbiss, wiederum begleitet von einem Glas Wein. Für beides zusammen zahle ich 5,50 Euro, so lässt es sich aushalten. Langsam verlasse ich die stimmungsvolle Altstadt mit ihren unzähligen Kneipen voller Studenten. Im nächsten Leben studiere ich in Italien oder Spanien. 😉
Ich genehmige mir als Betthupferl noch einen Kaffee, damit ich besser schlafen kann. 🙂
Mit einer Tarta de Santiago (leckerer spanischer Mandelkuchen) unter dem Arm gehe ich zurück zur Herberge, damit ich noch vor 24 Uhr dort eintreffe. Vor der Tür treffe ich auf Patrick (Spitzname „Lupo“) aus Luxemburg und wir schwatzen noch eine Weile. Er will am nächsten Tag nach Fisterra bzw. zum Kap Finisterre aufbrechen und von dort dann weiter nach Portugal. – Manche Leute scheinen echt Zeit zu haben …
Bildquellen:
[4] von der Webseite von Framboises et Bergamote
[5] von Von Manel Zaera – Tarta de Santiago, CC BY-SA 2.0, Link
Ich werfe zum Abschluss noch einmal einen Blick ins Internet, um vor der Heimkehr nach aktuellen Emails zu schauen. Auf jeden Fall werde ich mir den Wecker stellen, um den Bus nach Hause nicht zu verpassen. 😉
Heute mit dem Bus gefahrene und am Kap gewanderte Strecke – (raw Maps by OpenStreetMap.org)
Heute gepilgerte Strecke: 7 km – (insgesamt 529 km gepilgert)
