26.10.2007 (Freitag)

Um 8 Uhr stehe ich auf, der Wecker ist gar nicht nötig. Um mich herum ist bereits das übliche Massenrascheln zu hören. Ich werde es vermissen! 🙂

Um 8:25 Uhr stehe ich reisefertig vor der Tür. Frühstück gibt’s in der Hotel-Cafeteria gegenüber. Danach begebe ich mich zum Busbahnhof, wo ich einen letzten Café con leche vor der Heimreise trinke, ehe der Bus mich um 9:45 Uhr mit nach Deutschland nehmen soll.

Und wer sitzt da am Tisch nebenan? – Horst! (der, dessen Frau an Krebs gestorben ist und den ich am Tag 14 am „Cruz de Ferro“ getroffen habe). Er fährt im selben Bus wie ich zurück nach Deutschland. Irgendwann wird er dann in einen anderen Bus umsteigen, denn er muss irgendwo in Richtung Norden abbiegen.

Der Busfahrer weist mich beim Einstieg darauf hin, dass ich offenbar vergessen habe mein Ticket „bestätigen“ (entwerten/stempeln) zu lassen. Ich dachte das sei nur bei sogenannten „offenen Tickets“ nötig. Nunja, das hat keine Folgen. 🙂

Es beginnt eine Art Spanien-Rundfahrt, die uns erst einmal Richtung Südosten nach Ourense und weiter bis nahe an die Grenze zu Portugal führt. Noch ein Stück weiter, in Verín, legt der Bus einen Tankstopp in der Werkstatt von Socitransa, einem spanischen Bus-Unternehmen ein. Und wenn man schon mal dabei ist: hier findet auch gleich ein Ölwechsel statt, während getankt wird und die Fahrgäste im Bus sitzen und auf die Weiterreise warten.

In Spanien sind eben viele Dinge anders:
Zum Beispiel steht der Busfahrer mit der brennenden Zigarette in der Hand in der Halle neben der Zapfsäule, während 308 Liter Diesel in den Tank blubbern. 😮

Mein letztes Mittags-Menü nehme ich mit Horst während einer 45-Minütigen Mittagspause in einem Restaurante bei Benavente ein.

Die weitere Fahrt führt durch meist vertrocknete Landschaft. Und wo Laubwald steht ist dieser bereits im Herbstlaub-Kleid. Ansonsten ist alles trocken, gelb und braun verbrannt und wo Büsche stehen, wirken diese wie grüne Tupfer in einem überwiegend sandfarbenen Gemälde. Die Erde ist dabei meist steinig und felsig.

Der Blick zum Himmel bietet einen Sonne-Wolken-Mix und auf den Gipfeln der Bergketten stehen viele Windräder, Symbole der spanischen Energiewende. Herrliche Lichtfächer entfalten sich aus den Wolken über der Páramo-Landschaft vor Palencia. Aus ihrem Grau bricht sich intensives Sonnenlicht Bahn.

Ich bin froh, dass ich nicht mit dem Flugzeug zurück fliege. Ich glaube, ich würde einen Kulturschock erleiden, wenn ich nach fast vier Wochen Pilgerreise auf meinen zwei Beinen, fast immer den ganzen Tag draußen im Freien, nun nach nur etwa drei Stunden wieder zuhause sein würde. Ich kann die 36-stündige Busfahrt also trotz der Strapazen dazu nutzen, mich langsam einzustimmen auf das „Zurückkommen“.

Die abendliche Pause beim Umsteigen dauert fast zwei Stunden (!), deshalb sehe ich auch jetzt die Stadt Burgos nur bei Nacht, während der Bus sie am Rande umfährt. Ich muss wohl nochmal wiederkommen, um Burgos einmal in Ruhe bei Tag zu sehen. 😉

Noch „gepilgerter“ Fußweg: 1 km – Insgesamt bin ich damit rund 530 km auf dem spanischen Jakobsweg gepilgert !

27.10.2007 (Samstag)

Etwa eine Stunde stehen wir auch nächtens am Grenzübergang zu Frankreich.

Um 7 Uhr gibt’s etwa 180 km vor Paris eine Frühstückspause mit Croissant. Die Preise sind im Vergleich zu Spanien allerdings der Hammer (teuer!). 🙁

Gegen 9:30 Uhr passieren wir nach fast 24 Stunden Reisezeit die Peripherie von Paris. Das Wetter ist grau und kalt, aber trocken. Es hat wohl etwa zehn Grad. In Fisterra waren es gestern noch gute 16 Grad.

Einem Mitreisenden namens Paul aus Heilbronn ist schlecht. Er verdächtigt die Makkaroni (ital. Maccheroni) von der Raststätte gestern Abend. Ich hab da nichts gegessen, nur Wein getrunken. Die Pizza Margherita und Horst sitzen im anderen Bus. 🙂

Das Radio im Bus stört mich mit seinem Gebräu aus hektischer französischer Werbung und einer nervigen Musikauswahl.
Knapp vier Wochen hatte ich keine Uhr, keinen Zeitdruck, keine Termine (außer den Zug- und Bus-Verbindungen), keine Rückenschmerzen, keinen Mausarm und kein Autobein (Gasfuß).

Dreimal war ich im Internet und ich hatte keinen erhöhten Puls wegen Stress oder Ähnlichem. Keine Stressfalten im Gesicht, keine Sorgenfalten auf der Stirn. Nur Falten außen an den Augen vom Zukneifen wegen Sonne und Wind. 😉

Aber was aus diesen Lautsprechern quillt ist Zivilisationsterror!

Beobachtung durch das Busfenster:
Europa ist zusammengewachsen, was unter anderem dazu geführt hat, dass auch der Müll entlang der Autobahnen überall derselbe ist. – Streng standardisiert statt effektiv vermieden.

Um 15 Uhr ist Deutschland erreicht und das bringt mich wieder in meine Welt zurück. Und ja, in Deutschland kann es auch schön sein. Auch hierzulande gibt es leuchtende Weinberge, wie gerade hier und jetzt zwischen Kaiserslautern und Mannheim. 🙂

Und wenn es keine Weinberge hat, dann gibt’s Streuobstwiesen mit vielen Obstbäumen.

Und wenn da keine Obstbäume stehen, dann wird Mais, Raps oder andere Feldfrüchte angebaut.

Heimkommen ist für mich jetzt trotzdem irgendwie merkwürdig … fremd und vertraut zugleich.

mit dem Bus in ca. 36 Stunden zurück nach Hause – (raw Map by OpenStreetMap.org)

Clara beachtet mich überhaupt nicht, als ich am Nachmittag heimkomme.
Sie ignoriert mich völlig. 🙁

Später sagt sie zu mir (sie ist fünfeinhalb Jahre alt!):
„Wenn Du das nächste Mal so lange weg gehst nimmst Du mich mit!“

Und so wie sie das sagt duldet das keinen Widerspruch! 😉

Übersicht der Jakobswege


Gedanken die mich unterwegs angeflogen haben

„Erster Verlust ist die Zeit, ich empfinde das aber als Gewinn.“
Hier ist vor allem der Verlust des Zeitdrucks gemeint, von dem befreit zu sein von mir als Gewinn empfunden wurde. Wir sind ständig von Zeitmesswerkzeugen wie Uhren und Weckern, und von Zeiteinteilungshilfsmitteln wie Terminkalendern, Planern und Zeitplänen umgeben. Sie helfen uns, „unsere Zeit“ zu strukturieren und mit der (immer zu knappen) Resource auszukommen. Aber sie wirken eben auch einengend, begrenzend, stressend und zur Eile antreibend. – Das zu „verlieren“ empfand ich als großen Gewinn.

„Nichts mehr zu müssen, plötzlich raus aus allem zu sein, das ist toll!“
Es fühlte sich anders an, als einfach nur „Urlaub“ zu haben. Es fühlte sich befreiend an. Wie wenn man Ketten oder Fesseln los wird. Kein Ort an dem man sein muss oder erwartet wird, kein Zeitpunkt zu dem etwas erledigt sein soll, niemand der etwas fragt und eine Antwort erwartet.

„Den Tag über allein, und doch mit vielen verbunden zu sein – durch den Camino.“
Obwohl ich den ganzen Tag meist alleine unterwegs war, fühlte ich mich immer verbunden mit den vielen anderen, die den Weg auch gingen und sogar mit jenen, die ihn in der Vergangenheit gegangen sind. Der Weg (Camino) verbindet. Unsichtbar.

„Zwanglose und offene Begegnungen, teils tief, teils oberflächlich – aber doch oft schicksalhaft im Nachhinein.“
Viele der Begegnungen, vor allem diejenigen die auch mit längeren Gesprächen einher gingen, auch wenn die dabei gemeinsam verbrachte Zeit relativ kurz war, hinterließen Eindruck. Über viel Gesagtes und Gehörtes habe ich unmittelbar danach viel nachgedacht. Oft aber habe ich auch noch später im Leben wieder daran zurück gedacht und eine Erkenntnis dabei gehabt.

„Sich nach oben zu öffnen erfährt im Äußeren seine Entsprechung, wenn man die Enge der Täler hinter sich lässt und endlich auf Augenhöhe mit den Gipfeln steht, über einem der blaue Himmel und um sich die Weite der Bergweltlandschaft.“
Das spricht schon fast für sich selbst. Das kann wohl jede/r bestätigen, der/die schon einmal nur noch den Himmel über sich hatte.

„Das stetige Westwärts erleichtert die Orientierung: Immer der Sonne nach! – Dabei von links verbrannt und von rechts gekühlt werden (Nordwind).“
Tatsächlich verwendet man beim Wandern einen Teil der Aufmerksamkeit zur Orientierung und zur Vergewisserung, noch auf dem richtigen Weg zu sein. Auf dem spanischen Jakobsweg, dem Camino Francés, stimmt die grobe Richtung, solange man immer der Sonne auf ihrem Weg nach Westen folgt. Bei mir war es so, vor allem auf den Etappen in der Meseta, dass ich dabei an sonnigen Tagen von Süden her (linke Seite) von der durchaus noch kräftigen Sonne angestrahlt, und von Norden her (rechte Seite) gleichzeitig vom sehr frischen Nordwind gekühlt wurde (siehe Tag 8). Abends war ich linksseitig oft gerötet, rechts aber nicht blau gefroren. 😉

„Mach Dich auf den Weg!“
Das ist so eine Eingebung, ein aufblitzender Gedanke, der aber genau so, als wäre er als Aufforderung ausgesprochen worden, mich plötzlich anspringt und aus meinen Gedanken reißt. Ja, und dann gehe ich natürlich los. 😉

„Was wenn alle Sterne Augen wären?“
Dieser Gedanke kommt mir in den Sinn, als ich zum Abschluss des Tages in Rabanal del Camino (siehe Tag 13) noch einen Spaziergang zu den Sternen unternehme. Wie eine nächtliche Autobahn voller kleiner Lichter zieht sich das Band der Milchstraße über den Himmel. Ich schaue mit meinen Augen zu den Sternen hinauf. Aber was, wenn alle diese Sterne Augen wären die zu mir, zu uns herunter schauen?

„Alles ist gut wie es ist!“
Tief in meine Gedanken versunken gehe ich dahin, über einen Höhenzug (siehe Tag 14). Denke über vieles in meinem Leben, aber auch über das Leben anderer nach. Man hadert ja auch manchmal mit dem, was einem das Schicksal so zugewiesen hat, oder was man auch selbst so entschieden hat. Dann zweifelt man an allem und vor allem an sich selbst. – Und plötzlich kommt aus dem Nichts eine „innere Stimme“ und sagt genau diesen Satz: „Alles ist gut wie es ist!“ – Und es kehrt Friede ein im eigenen Inneren.

„Finde die Liebe zu Dir selbst wieder!“
Ist man mit sich selbst, mit seiner selbstgewählten Lebenssituation nicht zufrieden, möchte man fliehen, ausbrechen und kann es aber nicht, dann mag man sich meist auch selbst nicht mehr. Man ärgert sich über sich selbst, vielleicht verachtet man sich sogar. Jedenfalls liebt man sich selbst nicht mehr, so wie man ist. Sich selbst aber so anzunehmen wie man ist, zu sich selbst zu stehen und sich selbst zu lieben, das scheint mir Voraussetzung für die Versöhnung mit dem Schicksal und den Umständen zu sein.


Am Montag nach der Heimkehr

Als ich am Montag darauf wieder ins Büro gehe, mich an meinen Schreibtisch setze, habe ich mein Computer-Passwort nicht mehr parat. Vergessen. Die Erholung war offenbar wirklich gründlich. 😉

Die folgenden vier Wochen fühle ich mich, als wäre ich der neue Praktikant und betrachte alles aus einer wohltuenden Distanz. Erst ganz allmählich nehme ich alles wieder als „meine Sache“ an, was zu meinen Aufgaben gehört.

Es gab zwar auch nach dieser Reise immer wieder Situationen, die mich im Arbeitsalltag stressten. Aber insgesamt hat mir diese Erfahrung geholfen, mehr Distanz zu den Dingen auf dem Schreibtisch zu bewahren. Und es hat mir auch gezeigt, dass wirkliche Erholung Zeit braucht. Und zwar vor allem Zeit mit Erholqualität!

Wir messen Zeit in erster Linie quantitativ: Zwei Wochen Urlaub sind meistens zu wenig. Erst über drei Wochen wird’s richtig erholsam! – Das stimmt. Aber auch zwei qualitativ gut ausgestaltete Wochen, können leere Akkus wieder aufladen. 😉

ENDE

Tag 25 – In 36 Stunden zurück nach Hause

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